Ulli Schröder stattet Fan-Areal im Letzigrund-Stadion Zürich für das Stones-Konzert am 20. September aus

Lüchow.
Auf der 60 cm langen Pappröhre mit 7 cm Durchmesser steht aufgedruckt „Rolling Stones European Tour Open Venue Show 2017“ – es ist der Überrest einer abgefeuerten Rakete, die im Feuerwerk für den Stones-Auftritt am 20. September im Letzigrund-Stadion in Zürich gezündet wurde. Neben einigen hundert weiteren Raketenhülsen hat Ulli Schröder sie nachts um halb eins zusammen mit dem Feuerwerker der Stones vom Dach des Stadions eingesammelt. Kommentar des Feuerwerkers, der seit zwanzig Jahren bei jeder Stones-Show für das Feuerwerk verantwortlich ist: „Sowas Durchgeknalltes haben wir hier noch nicht gehabt!“ Aber Ulli Schröder sammelt seit seiner frühesten Jugend alles, was irgendwie mit den Stones zu tun hat, und hat seine Sammlung in das einzige Rolling-Stones-Fan-Museum der Welt in der hübschen kleinen Fachwerkstadt Lüchow im Wendland eingebracht. „Gut, dass es nicht geregnet hat – die Papp-Raketenhülsen in unterschiedlichen Größen tausche ich gegen Spenden für das Museum ein“, erläutert Schröder seine Motivation, im Alter von 67 Jahren noch auf einem Stadiondach herumzuturnen. Denn das Museum ist nicht statisch, sondern wird ständig erweitert, immer wieder werden Künstler beauftragt, Arbeiten im Zusammenhang mit den Rolling Stones anzufertigen.

Die neueste Arbeit stammt von der französischen Künstlerin Sissi Piana, die auch die anspruchsvollen Schaufensterpuppen für internationale Modedesigner wie Benetton und Dior fertigt. Für Ullis Fan-Museum hat sie vier lebensgroße Halbbüsten – vom Kopf bis zum Bauchnabel – der Stones-Mitglieder Jagger, Richards, Wood und Watts angefertigt und farbig bemalt. Ulli Schröder hat diese Büsten und weitere etwa 60 Exponate zusammen mit seinem Sohn nach Zürich transportiert und damit eine Ausstellung in einem besonderen Fan-Areal im Dachgeschoss des Letzigrundstadion bestückt. Bereits bei einem Stones-Konzert vor drei Jahren in Zürich hatten die Konzertveranstalter, die Stadionmanager und die Stadt Zürich Ulli Schröder beauftragt, den VIP-Bereich mit seinen Exponaten auszustatten, was bei den Fans sehr gut angekommen war. Nun also ein weiteres Mal, bei dem Fixkosten wie Zoll, Transport und Versicherung von den Auftraggebern getragen wurden, die Verleihung der Gegenstände an sich aber eine „Ehrensache“ für Hardcore-Fan Ulli war. Der Eintritt für diesen VIP-Bereich mit 350 Gästen kostete 750.– €, für Logenplätze – je Loge hatten 8 bis 25 Personen Platz –  noch einiges mehr. Überwiegend Firmen hatten die Logenplätze für ihre besonderen Gäste angemietet. Immerhin war die Bewirtung inclusive, und diverse besondere Chefkochs, darunter der der FIFA aus Genf, richteten die edlen Speisen an.

Für Ulli Schröder hat sich der Verleih seiner Exponate aber doch gelohnt, da er Kontakte schließen und auch einige Bilder von Sebastian Krüger verkaufen konnte, von der Werbung für sein Museum ganz abgesehen. Er gab z.B. mehrere Interviews für die örtliche Presse und Radiosender. Und er konnte auch wieder einige neue Stücke für sein Museum mit nach Hause nehmen – außer den Feuerwerksraketen diverse Schilder, natürlich die Eintrittskarten, die Arbeitsausweise, die Konzertablaufplanung usw.

Außerdem traf Ulli im VIP-Bereich Campino, den Sänger der „Toten Hosen“, zusammen mit weiteren Bandmitgliedern und lud ihn ein, doch einmal mit der Band ein Unplugged-Konzert in Lüchow zu geben. Die Toten Hosen waren vor zwanzig Jahren einmal Vorband der Stones, und Campino ist ein absoluter Stones-Fan. „Campino verriet mir, dass seine Schwester in der Nähe von Lüchow wohnt, er aber noch nie in Lüchow war.“ sagt Ulli. „Ich habe sie daraufhin angerufen, und sie versprach mir, auf Campino einzuwirken, dass er mit seiner Band einmal bei uns auftritt.“-Mal sehen, was die Schwester bewirken kann…

Wie immer gaben die Stones einen perfekten Auftritt im Letzigrund-Stadion vor etwa 48.000 Fans. Zweieinhalb Stunden spielten sie die 18 bis 22 bekanntesten Stücke. Jagger und Richards haben zusammen 400 Stücke für die Stones geschrieben. Ulli war ja bei der allerersten Stones-Konzerttour in Deutschland schon dabei und erinnert sich daran, dass die Stones selbst – nach einer Vorband – nur 7 bis 8 Stücke spielten und das ganze vielleicht zwanzig Minuten dauerte. Erstens hatten die Stones noch gar nicht so viele gute Stücke im Repertoire, zweitens war die Technik noch nicht so weit entwickelt, und drittens kreischten die Mädchen sowieso so laut, dass von der Musik fast nichts zu hören war.

Bei seinem Auftritt im Letzigrund-Stadion turnte Jagger mit seinen 74 Jahren wie eh und je über die Bühne. Wie er das schafft, verriet sein Bruder Chris Jagger: „Unser Vater war Sportlehrer. Nach dem Wecken um sechs Uhr ließ er uns erst mal ein paar Runden um den Block laufen, bevor es Frühstück gab!“ – Chris Jagger hat ebenfalls eine kleine Band, spielt Country und Rock und ist bisher schon vier Mal im Rolling-Stones-Fan-Museum in Lüchow aufgetreten. Am 28. Oktober kommt er ein fünftes Mal.

Das Geheimnis von Jagger ist also Fitness seit früher Jugend, und auch unmittelbar vor seinen Auftritten trainiert er. „Hinter der Bühne steht ein etwa 50 bis 75 Meter langes Laufband – teilweise abgedunkelt, um etwaige Verrückte abzuhalten – auf dem er sich etwa eine halbe Stunde vor Auftrittsbeginn begleitet von seinem Trainer warmläuft, um nachher nicht etwa mit einem Wadenkrampf vor seinen Fans zu stehen.“ verrät Ulli Schröder. Immerhin läuft Jagger pro Auftritt etwa eine Strecke von 12 ½ km auf der Bühne ab und singt und tanzt dabei noch. Mit 74.

In Zürich hat Ulli Schröder die Stones diesmal nicht getroffen, weil sie aus Sicherheitsgründen einen verspäteten Soundcheck im Stadion hatten und deshalb auch die Fans warten mussten. Ein Grund war, dass die Bundespräsidentin der Schweiz, Frau Doris Leuthard, offenbar Stones-Fan,  zusammen mit sieben Gästen im VIP-Bereich anwesend war und deshalb eine Hochsicherheitsstufe mit entsprechenden Maßnahmen galt.

Beim Hamburger Konzert mit 82.000 Zuschauern aber, wo Ulli Schröder in der ersten Reihe stand, kamen Keith Richards und Ron Wood, für den er zwanzig Jahre als Galerist tätig war, auf ihn zu und grüßten ihn freundlich. Der NDR hatte Ulli von Lüchow aus zum Hamburg-Konzert filmisch begleitet. Dazu stieg Ulli zunächst in sein in den Museumsfarben bemaltes Go Kart, kam aber nur bis Lübeln, die fehlende Federung ließ ihn die Straße zu sehr spüren …Nach Umstieg ins Auto und Ankunft in Hamburg filmte ihn das NDR-Team dann, wie er als Erster ins Stadion eingelassen wurde – als Oberfan.

Auf dem besonderen „meet and greet“- Bereich in Hamburg zahlten zwei Fans übrigens den Preis für die teuerste Eintrittskarte, nämlich je 12.500 Euro. Wofür? Dafür, dass Mick Jagger ihnen die Hand drückte. Wüsste gern, wie lange sie sich danach nicht die Hände gewaschen haben … Diese Sondereinnahmen behalten die Stones aber nicht für sich, sondern spenden sie an Einrichtungen, die verarmte Musiker unterstützen.

55 Jahre stehen die Rolling Stones jetzt auf der Bühne und sind damit die älteste noch aktive Rockband der Welt in beinahe Urbesetzung. Ihre Musik hat eine ganze geschichtliche Ära begleitet. Bedeutende historische Ereignisse, von der Ermordung der Kennedys über die Rebellionsjahre der Sechziger und den Vietnamkrieg, die Zeit des Eisernen Vorhangs bis zur Wiedervereinigung Deutschlands und dem Zusammenschluss Europas wurden durch die Stones begleitet. Bestimmte Stücke wie „Street fighting man“ oder „Sympathy for the Devil“ rufen sofort Erinnerungen an historische Vorkommnisse wach. Die Rolling Stones sind damit eine historisch und kulturell äußerst bedeutende Musikband.

Eines Tages, so hofft Ulli Schröder, werden sie oder ein Teil von ihnen nach Lüchow in sein Museum kommen. Einen „Groupie-Raum“ und ein Badezimmer mit Whirlpool hat Ulli ja schon im Obergeschoss seines Museums einrichten lassen ;-).Ron Wood, der Lithografien, Radierungen, Zeichnungen und Holzschnitte anfertigt, hat in Großbritannien in diesem Jahr ein Buch über seine Werke herausgegeben und Ulli versprochen, zur Veröffentlichung der deutschen Ausgabe nach Lüchow zu kommen.

Ein doppelseitiges Bild von Ulli Schröder in seiner Fankleidung schließt den Bildband der Stones zum fünfzigjährigen Bühnenjubiläum, dessen Erstausgabe vor fünf Jahren weltweit zuerst im Stones-Fan-Museum präsentiert wurde, ab. Mick Jagger persönlich hat dies angeordnet: eines Tages werden die Stones nicht mehr da sein, aber das Wirken der Stones wird durch die Fans weitergetragen werden. Und Ulli Schröder, der Oberfan, steht symbolisch für alle Fans.

Die Stones treten am 9. Oktober noch einmal in Düsseldorf auf. Danach endet die Europa-Tournee mit drei Konzerten in Frankreich. Im kommenden Jahr werden die Stones ihre „No Filter Tour“ mit Auftritten auch in England fortsetzen.

Ulli Schröder ist am Sonntag, den 8. Oktober in der Sendung „Sonntags“ um 9.00 Uhr im ZDF zu sehen, wo er über seine Jugend in den Sechziger Jahren erzählt. Das wird sein 16. Auftritt im Fernsehen sein.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s