Akustische Ökologie – was ist das Klangbild des Wendlands?

Wendland.
Jeder kennt die Tonabfolge der Glocke des  „Big Ben“, Glockenturm des britischen Parlamentsgebäudes, und verbindet sie automatisch mit der Hauptstadt London. Typisch für ganz Italien ist das Brummen der überaus gebräuchlichen Vespa-Motorroller, beim Klang eines Alphorns ist man gedanklich in der Schweiz und bei Dudelsacktönen sofort in Schottland. Töne, Klänge und Geräusche sind mit Gedanken und Gefühlen verbunden, und diese Erkenntnis macht sich auch die Werbeindustrie zunutze. So erkennt man bei der Abfolge bestimmter Töne sofort einen bestimmten Handynetzanbieter oder bei einem kleinen gesungenen Reim den Hersteller von Lakritz und Gummibärchen.

„Sound branding“ heißt es in der Fachsprache der Marketingleute: eine Marke über einen „Sound“, also einen Ton, eine Melodie oder ein Geräusch in das Gedächtnis der Verbraucher einzuschleusen und dort mit einem bestimmten Produkt bzw. Produktnamen zu vernetzen. Die Stadt Wien hat zum Beispiel an einer gut belebten Stelle in Paris Stadtmarketing über ein riesengroßes Plakat mit einem Teil der weltberühmten Sängerknaben darauf betrieben. Schon der visuelle Hinweis auf den Sound des Knabenchors in Form der Abbildung zielte auf den Gehörsinn ab. Vollends wurde der auditive Sinn aber dadurch angesprochen, dass unter dem Plakat eine Klaviatur in den Boden eingelassen worden war, auf der Passanten Töne erzeugen konnten. Trafen sie die ersten vier Töne berühmter angegebener Lieder – zum Beispiel „Ode an die Freude“ – wurden sie durch die akustische Ausstrahlung des jeweils gesamten Liedes gesungen durch die acht dargestellten Sängerknaben belohnt. Sie konnten aber auch eigene Melodien abspielen.

Bewusst oder unbewusst wirkt die Außenwelt über visuelle, kinästhetische, gustatorische, olfaktorische und auditive Reize auf uns Menschen ein: der Geruch von Autoabgasen, die Zeichen der Energiewende in Form unübersehbarer riesiger Windräder, die Klingeltöne der allgegenwärtigen Handys oder das unangenehme Körpergefühl bei zu hohen Ozonwerten in heißen Sommern verdeutlichen die kontinuierliche Veränderung der Umwelt. Der Begriff der „Lichtverschmutzung“ umschreibt die Beeinflussung des visuellen Sinns: in großen Städten können die Lichter der Natur – der Sternenhimmel vor allem – in der Nacht kaum noch vom menschlichen Auge wahrgenommen werden, weil die Städte durch Straßenbeleuchtung, Neonreklame und Autoscheinwerfer die natürlichen Lichterscheinungen überstrahlen.

Die „Akustische Ökologie“ hat sich erst etwa in den letzten zehn Jahren als Teilbereich innerhalb der ökologischen Wissenschaft herausgebildet. Verbunden auch mit dem Begriff der „Landschaftsökologie“ geht die „Akustische Ökologie“ davon aus, dass jeder Landschaft ein bestimmtes Klangbild anhaftet. Die „Akustische Ökologie“ beschäftigt sich mit dem Hörsinn als Zugang zur Erlebnisumwelt.

In meiner Kindheit war das Wendland akustisch untrennbar verbunden mit dem schwerfälligen Widerhall der Hufe von Pferden, die schwere Last ziehen mussten, dem Rumpeln der großen Holzräder der Leiterwagen auf dem Kopfsteinpflaster, dem Gegacker der frei herumlaufenden Hühner, Hahngekrähe und Hundegebell, dem Muhen der Kühe auf der Weide, dem metallischen Klappern der Milchkannen beim Melkprozess und dem Klingelgeläut des Bäckerwagens, der einmal pro Woche auf dem Dorfplatz seine Backwaren anbot; auch die Blaskapelle und der lautstarke Chorgesang angetrunkener Schützenbrüder beim Schützenfest gehörten durchaus dazu. Heute muss man im Landkreis kilometerweit fahren, ehe man Kühe auf der Weide grasen sieht, Pferdegetrappel hört man nur noch im Umfeld von touristisch ausgerichteten Reiterhöfen, und die Eier werden lieber im Supermarkt gekauft als eigene Hühner zu halten. Der Chorgesang beim Schützenfest scheint aber wohl weiterhin Bestand zu haben. Auch die Sirene, die Helfer  im Falle eines Brandes oder anderen großen Unglücks zusammenruft, ist geblieben, jedenfalls in Lüchow.

Dagegen haben sich die Umweltgeräusche der Städte auch im ländlichen Gebiet ausgebreitet: die Fahrgeräusche der PKW und LKW vor allem, aber auch die Rasenmäher und Rasentraktoren, Laubgebläse und die Geräusche diverser elektrischer und elektronischer Haushalts- und Handwerksgeräte.

Welche landschaftstypischen Klänge charakterisieren heutzutage das Wendland? Gibt es sie nicht mehr, oder doch?

Sind es die schrillen Rufe der Wildgänse, die zu Herbstbeginn zu uns zurückkehren und die unsere Blicke an den Himmel ziehen, um ihre Flugformationen zu bewundern? Oder ist es die Stille eines perfekten Sommertages, die uns erst durch das Summen von Bienen, dem Gezirpe der Grillen und dem Quaken der Frösche bewusst wird? Oder sind es die unüberhörbaren Motoren der Trecker und riesiger industrieller Landmaschinen, die uns auch noch oft nach Anbruch der Dämmerung mitteilen „Hier wird gearbeitet!“? Oder die Schwirrtöne eines heftigen Windes, der durch ein reifes Getreidefeld fegt und die Ähren aneinanderschlagen lässt? Oder das Glucksen des Wassers von Elbe oder Jeetzel? Der Kuckucksruf? Oder die Musikkapelle der Feuerwehr oder des Schützenvereins mit einem zünftigen Marsch? Das Glockengeläut der örtlichen Kirche? Oder die spezielle sprachliche Einfärbung der eingeborenen Wendländer, der sogenannte „Duktus“? Vielleicht das Plattdeutsche? Gibt es typisch wendländische Ausdrücke oder Ausrufe? Welcher „Sound“ steht für das Wendland? Oder ein Mix aus Vielem?

 

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