Müll im Überfluss

Lüchow/Dannenberg.
Im Landkreis wird diskutiert, wie man einer Seuche beikommen kann: der Müllseuche. An Containersammelstellen werden offenbar immer wieder Mülltüten mit Hausmüll oder sonstiger Müll hingestellt. Auch an Parkplätzen oder Bushaltestellen ist dieses Problem bekannt.

Die Ursache meiner Meinung nach: das in der Psychologie bekannte Phänomen der „Verantwortungsdiffusion“. Sehen also mehrere Menschen ein Problem, fühlt sich nicht der Einzelne für die Beseitigung verantwortlich, sondern denkt „ach, es sind ja noch so viele außer mir hier – dann kann jemand anders die Lösung des Problems ja angehen“. Bewusst wurde das Phänomen der Verantwortungsdiffusion in der menschlichen Denkweise, als vor einigen Jahrzehnten nach dem Überfall und der Tötung einer jungen Frau in den USA sich durch Zeugenbefragungen herausstellte, dass mehrere Menschen von ihrem Balkon aus zugesehen hatten, aber keiner sich als Einzelner verantwortlich fühlte, einzugreifen.

Es kommt also darauf an, die Menschen in der Umgebung anzusprechen. Dazu könnte ein Kontaktpolizist eingesetzt werden, der die Menschen noch persönlich kennt. Oder die Ortsvertrauensleute. Oder eine neu zu gründende Müllberatertruppe. Bei uns in Bremen wurden sogar Personen eingestellt, die als eine Art „Mülldetektive“ agieren. Sie öffnen illegal entsorgte Mülltüten und durchsuchen tatsächlich den Inhalt. Dabei finden sie oft Hinweise auf den Besitzer des Mülls, z.B. Quittungen mit Namen und Adresse oder Hinweise auf familiäre Umstände wie Babykostbehälter oder bestimmte Getränke u.ä., aus denen man auf gewisse Verhältnisse schließen kann und darüber herausfinden kann, wem der Müll gehört. Haben sie den Verursacher herausgefunden, führen sie mit ihm/ihr ein Gespräch, was zu einer Verhaltensänderung führen kann. Denn oft ist es schlichtweg Unwissenheit, was zu dem Verhalten führt.

Eine Freundin erzählte mir heute am Telefon von einer ihr bekannten älteren Frau, die ihr gegenüber freiweg geäußert hatte, dass sie ihre leeren Flaschen immer zum Papierkorb am Straßenrand bringt, „weil ja der Papierkorb sowieso geleert werden muss, und dann können sie ja meine Flaschen auch gleich mitnehmen, dann brauche ich nicht extra zum Flaschencontainer“.

In meiner früheren Wohnung hatte ich ein junges Paar Anfang Zwanzig als Nachbarn, die schlichtweg nicht von ihren Eltern über Mülltrennung aufgeklärt worden waren und unseren gemeinsam zu nutzenden Mülleimer mit sämtlichem Müll füllten, von Zeitungen über Restmüll bis zu Plastikflaschen, die eigentlich Pfandflaschen waren, für die man je Flasche 0,25 € Pfand zurückbekam. Aber der Weg zum Supermarkt mit den Pfandflaschen war eben zu umständlich und 0,25 € je Flasche kein Anreiz. Aus dem letzteren Grund liegen ja auch immer wieder Pfanddosen auf den Straßen herum – 0,08 € je Dose sind kein Anreiz zum Zurückbringen.

Deshalb meine Meinung: das Pfandgeld müsste noch viel höher liegen, zum Beispiel bei einem Euro je Getränkeflasche oder -dose. Damit sich die Rückgabe auch lohnt. Und die leeren Bierflaschen nicht aus lauter Jux auf den Fahrweg gestellt werden, damit das nächste Auto oder Fahrrad über die Flasche fährt und sie in tausend Scherben zerbricht, die dann auf dem Fahrweg herumliegen.

Weiter sollten auch Zugezogene – Einheimische wie in letzter Zeit auch Flüchtlinge oder Migranten – über die richtige Müllentsorgung aufgeklärt werden.

Hier in Bremen besucht deshalb eine „Abgeordnete“ von der kommunalen Müllentsorgungsstelle die Integrationskurse bei den verschiedenen Anbietern von Deutschkursen und zeigt mithilfe einer Power-Point-Präsentation die richtige Müllentsorgung, klärt über die Anmeldepflicht von Sperrmüllabholung auf und über die Mülltrennung.

Außerdem handelt es sich oft auch um ein Bildungsproblem, weswegen die Lehrer und Erzieher aufgerufen sind. Zudem passt das achtlose Wegwerfen von Müll auf öffentliche Grundstücke auch zur zunehmenden Verrohung in unserer Gesellschaft, wie zum Beispiel das Angreifen von Rettungskräften und Polizisten oder die Zunahme von Diebstahl.

Aufklärung und immer wieder Ansprache, also“sprechen“ mit den Menschen und nicht einfach nur Gedrucktes verteilen, in der Hoffnung, dass es gelesen wird und nicht zum Feueranmachen benutzt wird.

Es sollte auch deutlich gemacht werden, welchen Nutzen die richtige Entsorgung von Müll hat: Erzeugung von Kompost durch Grünabfallsammlung, Verwertung von Metall, Erzeugung von Fernwärme durch Verbrennen usw. und letztlich auch sinnvollere Verwendung von Steuergeldern, weil nämlich die kommunale Müllentsorgung entlastet wird.

In Bevensen zum Beispiel haben sie vor einigen Jahren die Mülleimer entlang des Kanals, an dem viele Leute spazieren gehen, entfernt, um die Entsorgungskosten zu sparen. Da es sich um einen Kurort handelt, verhalten sich die Menschen dort auch relativ vernünftig und schmeißen dort keinen Müll deswegen hin, weil keine Mülleimer da sind. Sie nehmen Bonbonverpackungen oder Zigarettenschachteln einfach mit.

Es sollte meiner Meinung nach auch die Berufsbezeichnung für diejenigen, die den Müll einsammeln, aufgewertet werden.

Statt „Müllmann“ wie im alltäglichen Sprachgebrauch üblich, sollte die Berufsbezeichnung zum Beispiel sein: Entsorgungsdienstleister oder Recycling-Fachmann oder Wertstoff-Servicekraft. Es sollte in der Öffentlichkeit viel mehr der Eindruck einer wertvollen Dienstleistung erweckt werden.

Dem Recycling-Gedanken folgend, ist „Müll“ ein Produkt, das weiterverarbeitet wird, so wie andere Rohstoffe auch. Deswegen sollte Müll eben „gesammelt“ werden. Er ist also Bestandteil eines Wirtschaftskreislaufs und nicht das Endprodukt. Das ist in vielen Köpfen aber noch nicht drin.

Bei uns in Bremen gibt es die „Tour de Müll“, die Termine sind  immer schnell ausgebucht, weil sie so erfolgreich ist. Bei der „Tour de Müll“ wird man gruppenweise über das Gelände der Müllentsorgungsstelle geführt: es wird erklärt und gezeigt, was mit dem Müll passiert.

Ganze Schulklassen nehmen teil oder Betriebsmitglieder oder Teilnehmer an Integrationskursen oder Vereine. Alles, was man sieht, riecht, fühlt, hört oder möglicherweise auf der Tour de Müll auch schmeckt, bleibt besser im Gedächtnis als etwas nur Gelesenes.

Die Verantwortlichen vom Landkreis sollten doch vielleicht auch einmal eine „Tour de Müll“ für Schulklassen oder Vereine oder sonstige Gruppen veranstalten…ihnen die Mülldeponien zeigen, ihnen durch Mitarbeiter erklären lassen, wie der Müll verarbeitet wird. Über diesen Link kommt man auf die Seite der kommunalen Abfallbetriebe in Bremen, wo die „Tour de Müll“ erläutert wird.

Es ist so ähnlich wie beim Erscheinen von HIV oder bei der Erkenntnis, dass Rauchen Krebs verursachen kann. Durch die Aufklärung konnte doch auch hier Schlimmeres verhindert werden.

Zum Thema passt vielleicht auch der Hinweis auf das StartUp-Vorhaben des Wendländers Hendrik Möllmann, der mit seinem Projekt „AbfüllBar“ den Verpackungsüberfluss vermeiden helfen möchte. Lebensmittel sollen in der Region möglichst verpackungsfrei ge- und verkauft werden können. Näheres siehe hier bei StartNext.

 

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