Flohmarkt in Gartow

Gartow, 22. April 2018.
Bei schönster Hochwetterlage und Temperaturen um die 30 Grad waren gestern wohl Tausende Besucher und Hunderte Verkäufer zum ersten Open-Air-Flohmarkt dieses Jahres in Gartow gekommen. Der frisch gemähte Platz am See war rappelvoll, der Veranstalter hatte sogar einen bisher nicht üblichen Abzweiger vom Hauptweg für Verkaufsstände geöffnet.

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Der Flohmarkt in Gartow ist einer der größten in Nordostdeutschland und für sich alleine schon mal einen Ausflug ins Wendland wert, vor allem, wenn man auch noch hinterher oder auch sozusagen parallel zum Flohmarktbesuch im See baden oder ein Boot mieten möchte. Kulinarisch wird man auf vielfältige Weise versorgt: es gibt Pizza, belegte Brötchen, Kuchen, Kartoffeln mit Dip, Bratwurst, Waffeln, Eis und alle möglichen Getränke. Man kann sich auf die Bänke neben den Imbisswagen – oder neuerdings sagt man ja „Food Trucks“ – setzen oder auch einen Abstecher in nahe gelegene Restaurants oder Cafés machen und dabei über den See schauen.

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Vor zwanzig Jahren ungefähr war ich das erste Mal – als Besucherin – auf dem Flohmarkt in Gartow. Damals war er noch vergleichsweise klein und recht übersichtlich. Aber seitdem ist er stetig gewachsen, was an der Organisation liegt, aber vor allem auch an der Location: eben am großen Gartower See. Wenn man Zeit hat, kann man sich auch gleich noch das nette Städtchen Gartow mit ansehen.

Ich bin ziemlich spät gekommen – erst kurz vor acht – und deshalb liegt mein Stand nicht so ganz an der Haupteinkaufsstraße. Aber auch hier schauen die Leute vorbei und ich kann doch so einiges loswerden. Zum Beispiel ein altes Nokia-Handy. Ein Mann schaut es sich interessiert an und bemerkt, dass darin wertvolle Inhaltsstoffe wie Gold und Cobalt seien. Ich biete es ihm für einen Euro, und er nimmt es mit. Viel Spaß bei der Goldsuche.

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Viel Natur umzu…!

Ich habe auch nette Nachbarn, zwei ältere Herren aus dem Landkreis. Sie sind selbst Sammler und haben in ihrem Leben vielerlei zusammengetragen. Der eine der beiden Herren hatte in seiner großen Wohnküche einmal vierzig alte Kaffeekannen auf Wandregalen stehen. „Meine Besucher wollten gar nicht ins Wohnzimmer, sie wollten immer nur in der Wohnküche sitzen, wegen der Kaffeekannen!“ erzählt der Herr. Kaffeekannensammler gibt es viele auf Flohmärkten. Eine Dame hatte mir einmal davon erzählt, dass sie 400 alte Kaffeekannen gesammelt hatte und zum Aufstellen dafür ihren Carport nutzte. An den Wänden des Carports hingen extra gefertigte Regale, in denen die Kaffeekannen ausgestellt waren. Einmal im Jahr wurden alle heruntergenommen und geputzt.

Jetzt haben sich die beiden Herren, meine Standnachbarn, wohnungsmäßig wohl etwas verkleinert und verkaufen das, was nicht mehr in die Wohnräume und in die Scheune passt. Zum Beispiel etliche Kaffeemühlen oder Petroleumlampen mit Glaszylinder und diverse Wand-Küchenuhren aus Keramik. Auch zwei uralte Waagen sind dabei, aus Metallguss.

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Eine alte Kaufmanns-Waage mit Gewichten davor.

Die eine Waage zeigt eindeutige Jugendstilelemente und stammt aus England, wurde aber von der Ehefrau bei einem Antiquitätenhändler in Belgien gekauft. Sie gefällt mir schon sehr, aber 65.– € möchte ich dann doch nicht dafür ausgeben. Auch nicht 50.–€, die der nette Herr mir als Sonderpreis anbietet. Die andere Waage stand früher beim Kaufmann zum Abwiegen und hat auf der einen Seite eine Waagschale und auf der gegenüberliegenden Seite ein flaches Marmorbrett, auf dem die Gewichte zum Ausgleich stehen.

Auf dem Flohmarkt in Gartow kann man einfach alles kaufen: Antiquitäten, Trödel, Kuriositäten, Geschirr, Kinderkleidung, Spielzeug, Werkzeuge … aber auch frisch im Holzofen gebackenes Brot, oder Eier und selbst gezogene Pflanzen für Garten oder Balkon. Ein einziges Freiluft-Kaufhaus ist das.

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Original-Ölbilder – hier ein „echter Chagall ;-)“

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Tolle Ballkleider …

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Geweihe…

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Golfschläger … im Wendland gibt es ja einen Golfclub!

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Schilder für alles…

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Fahrräder …

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Dies und Das …

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Ohne Worte

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Tolle Bücher…

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Schaufensterpuppen …

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Radios …

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Briefkästen …

 

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Trockenhauben …

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Schuhe …

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Mühlen jeder Art …

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Tiere …

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Alles Mögliche …

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Milchkannen, Zinkwannen, Zink-Gießkannen, Emaille-Schüsseln, Kornschaufeln, Hutschachteln … alles sehr beliebt!

Bei Flohmarktbesuchern kann man mehrere Gruppen unterscheiden:

Ganz früh am Morgen, zu einer Zeit, zu der die ersten Flohmarkt-Verkäufer ihre Stände noch aufbauen, ihre Kisten, Tüten und Kartons aus den Wagen holen, da kommen die „Jäger und Sammler“. Sie suchen nach etwas Rarem, etwas Besonderem, das aber möglichst günstig sein soll – eben nach „Schnäppchen“. Unter den Frühbesuchern sind auch viele Händler, die nicht so flohmarkterfahrenen Menschen ihre Sachen möglichst günstig abkaufen wollen, um sie mit Gewinn zu höheren Preisen weiterzuverkaufen. Auch Ladenbesitzer oder E-Bay-Händler sind darunter, erkennbar an Rucksäcken oder Trolleys zum Abtransport der Schätzchen.

Dann gibt es die Besuchergruppe der Schlenderer. Sie wollen eigentlich gar nichts kaufen, sondern schlendern nur mal so über den Flohmarkt, weil dieser Abwechslung bietet. Man sieht etwas und wird gesehen, trifft Bekannte, und man kann sich dort hinsetzen und einen Kaffee trinken und das schöne Wetter genießen.

Andere wiederum suchen gezielt nach Gegenständen, die sie gerade aktiv brauchen, für die sie aber nicht so viel Geld wie für Neuware aus einem Laden ausgeben wollen. Oft handelt es sich bei diesen Gegenständen um Werkzeuge oder Kleinteile für Auto oder Haushalt: vielleicht eine Axt, ein Kuhfuß oder ein Türgriff, ein Wasserhahn oder eine Luftpumpe. Etwas Nützliches eben.

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Werkzeug jeder Art …

Manche Besucher überfliegen mit Blicken die Auslage auf den Tischen, um originalverpackte Neuware zu finden. Das ist auch nicht selten. Jemand hat vielleicht etwas geschenkt bekommen, mag es aber nicht leiden oder braucht es nicht. Bei den neu gekauften Gardinen hat man nicht nach der Größe geschaut, und nun kann man sie nicht mehr umtauschen. Solche Sachen werden dann zu geringen Preisen verscherbelt: weg damit.

Gerade jüngere Leute, die dabei sind, ihren ersten Hausstand einzurichten, mögen wiederum alte Sachen: Trödel, Antikes, Altes. Ein altes Milchkännchen, weil die Oma so ein ähnliches hatte. Beliebt sind alte Bilderrahmen oder Spiegel, möglichst irgendwie goldfarben und mit Schnörkel. Auch alte Lampen und Kronleuchter werden gern mitgenommen.

In den letzten Jahren sind Möbel und Gebrauchsgegenstände der Fünfziger Jahre in den Fokus der Flohmarktbesucher und damit auch der Händler gerückt. Cocktailsessel oder Nierentischchen sind teuer geworden. Die Sammler grasen die Flohmärkte nach solchen Dingen ab. Entsprechend sind die Preise gestiegen. In den Großstädten gibt es seit wenigen Jahren schon Läden mit den gesammelten Dingen aus den Fünfzigern und Sechzigern.

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Schicke Cocktailsessel aus den Fünfziger Jahren …

Da Gartow im ländlichen Wendland liegt, wo viele Besucher alte Bauernhäuser besitzen und die sozusagen altersgerecht ausstatten möchten, gibt es gerade auf diesem Flohmarkt immer auch ein großes Angebot an ländlichen Gebrauchsgegenständen, zum Beispiel alte große Milchkannen, wie sie früher zur Molkerei transportiert wurden, oder Butterfässer oder große Kornschaufeln oder Emailleschüsseln und Zinkwannen.

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Uralter Hausrat …

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Noch mehr uralter Hausrat …

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Alte Töpferware…sehr begehrt!

Auf einem Flohmarkt werden nicht nur leblose „Gegenstände“ verkauft, sondern häufig auch „Emotionen“. Bei vielen alten Sachen werden Erinnerungen geweckt. Besucher bleiben bei den alten Tellern mit dem blauen Muster stehen und sagen: „So welche hatte meine Großmutter auch!“- Eine alte Puppe aus Pappmaché wird für 150.– € gekauft, weil „ich früher als Kind auch so eine hatte! Wo ist die bloß geblieben?“. Gestandene Männer kaufen alte Spielzeug-Lokomotiven und greifen verzückt nach dem alten Tretauto aus den Fünfziger Jahren: „Zur Dekoration!“. Frauen kaufen gerne Puppen und Zubehör wie alte Puppenmöbel oder Puppenstuben. Dann gibt es die „Teddy-Sammler“ oder die „Überraschungseier-Figuren-Sammler“, die manchmal Hunderte von Plastikfiguren im Wohnzimmerschrank stehen haben. Auch Bücher aus der Kindheit werden wieder mitgenommen, „um sie noch einmal zu lesen!“

Besonders beliebt, aber nur zur Pflanzzeit im Frühjahr, Sommer und Herbst, sind Pflanztöpfe für draußen. Was aber so gut wie gar nicht verkauft werden kann, sind Übertöpfe für Zimmerpflanzen. Wenn ich daran denke, wieviel Geld ich schon für gerade zu meiner Einrichtung passende Übertöpfe teuer im Geschäft gekauft habe … während einem so etwas auf dem Flohmarkt geradezu „nachgeschmissen“ wird…

Zufrieden ziehen Besucher mit einer Schaufensterpuppe im Arm an mir vorbei, ein junges Paar zieht im Bollerwagen ein altes Schaukelpferd, während das Kind, das eigentlich im Bollerwagen sitzen sollte, vom Vater getragen wird, eine junge Mutter schleppt sich mit einer riesigen Zinkwanne ab, und ein älteres Ehepaar hat in jeder Hand mehrere Tüten und Taschen mit Inhalt. Kleinkinder laufen barfuß im Gras, Spaziergänger versuchen, ihre Hunde im Zaum zu halten, und ein Mann Mitte Vierzig in kurzer Sporthose ermahnt seine Mutter, doch nicht an jedem Stand unbedingt stehenbleiben zu müssen.

Einige Meter entfernt hat sich eine Kunstfigur aufgebaut: Auf einem Kasten steht eine zierliche junge Frau, die ganz weiß im Gesicht und an den Händen geschminkt ist. Den Rest des Körpers bedeckt ein flatterndes weißes Gewand. Nach esoterisch anmutender Musik macht sie sehr langsame, fließende Bewegungen mit ihren Armen, Händen und dem Oberkörper und sendet ab und zu Seifenblasen aus, die sie umfliegen. Vor dem Kasten, auf dem sie steht, liegt ein kleines Gefäß, und manche Leute werfen ein Geldstück hinein.

Um 16:00 Uhr ist Feierabend. Die Verkäufer verpacken ihre nicht verkauften Sachen, und allmählich bildet sich vor der Ausfahrt eine Autoschlange. Um 17:00 Uhr bin ich wieder zu Hause.

Der nächste Flohmarkt in Gartow ist am 13. Mai. Ansonsten gilt die Regel im Sommer: einmal pro Monat in Gartow, sonst natürlich auch an anderen Orten.

Ausblick auf den See:

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