Das Buerbeerfest 2018 in Bösel

Bösel, 29. April 2018.
Das Buerbeerfest in Bösel findet alljährlich am letzten Wochenende nach dem Namenstag des heiligen St. Georg am 23. April statt und hat eine jahrhundertealte Tradition. In diesem Jahr fiel das Wochenende auf den 27. bis 29. April. Heutzutage wird das Fest natürlich auf etwas andere Art gefeiert als in alter Zeit. Geblieben ist aber der Grundgedanke, nämlich das Gemeinschaftsgefühl zu stärken.

Nachdem am Freitag und Sonnabend ordentlich getanzt und gefeiert wurde, zeigten die Böseler am Sonntag, welche Kreativität in ihnen steckt. Bei schönstem Frühlingswetter zogen Trecker ungefähr zwanzig phantasievoll geschmückte Wagen mit fröhlicher Besatzung durch die Straßen des 450-Seelen-Dorfes nahe Lüchow. In wochenlanger Vorbereitung hatten Vereine und private Gruppen in mühe- und liebevoller Kleinarbeit Anhänger ausgestattet und verkleidet, genäht und geklebt und gebastelt, um bestimmte Themen auf lustige oder ironische Weise auf dem Festumzug zur Schau zu stellen, ganz ähnlich wie beim Karneval in Köln oder Düsseldorf.

Zwei Minuten vor eins: die Feuerwehr, auf dem Lande bei jedem Fest unentbehrlich, sperrt die Zufahrtstraße zum Dorfzentrum ab.

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Auf den Höfen stehen die Fahrzeuge bereit zur Abfahrt. Nach und nach treffen die Zugmaschinen mit Anhänger auf der Hauptstraße des Dorfes an der St.-Georg-Kirche ein und reihen sich hintereinander auf.

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Hier sieht man die St.-Georg-Kirche im Zentrum von Bösel. Nach rechts geht’s zum Festplatz.

Dem Motto des Festes entsprechend ist eine Bierflasche in der Hand fast unentbehrlich. „Buerbeer“ ist plattdeutsch und bedeutet „Bauernbier“, das „Buerbeerfest“ ist also ein Bierfest für die Bauern.

In früheren Zeiten wurde beim Buerbeerfest ein Weizenbier mit aufgeschlagenen Eiern vermischt, sodass man ein „Eierbier“ trank. Eierbier ist es heute nicht mehr, auf den Bierflaschen in den Händen steht „Astra“ oder „Paulaner“.

Bunt verkleidete Figuren schunkeln schon jetzt auf den Wagen herum, Musik wird aufgedreht, Bekannte werden begrüßt. Dem Motto entsprechend, ist Alkohol – oder sagen wir: Bier – wichtig, man prostet einander zu und nimmt schon mal diverse Schluck, um so richtig in Stimmung zu kommen. Zwischen den Wagen zieht ein kleiner Tross mit einem Leierkastenmann vorneweg herum, er soll Spenden für die Festgestaltung sammeln.
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Auf dem Festplatz mit diversen Karussells, Buden mit Pizza oder Süßigkeiten und natürlich Bier, einer Schießbude sowie einem großen Festzelt sammeln sich die Besucher jeglichen Alters.

 

 

Wer mit dem Auto gekommen ist, musste es vorne am Dorfrand parken und trifft jetzt zu Fuß ein. Bei dem schönen Wetter haben sich viele aber auch mit dem Fahrrad aufgemacht und den Festbesuch mit einer Radtour verbunden.

Innerhalb einer Stunde strömen schließlich Tausende von Besuchern auf die Dorfstraße. Kinderwagen werden geschoben, Rollstuhlfahrer bahnen sich einen Platz durch die Menge, Kleinkinder werden auf dem Arm getragen, Hunde laufen umher. Wer clever ist, hat sich einen Klappstuhl mitgebracht. Die Einheimischen haben sich Bänke oder Tische und Stühle vor die Haustür gestellt und ihre Freunde zum Gucken eingeladen.

Jeder Wagen hat ein eigenes Motto.

Dieser Wagen hat den Vogel abgeschossen. Sein Motto ist „Top Gun“, der Film mit Tom Cruise. Aus verschiedenen Einzelteilen, die mit grauem Stoff bezogen wurden, entstand ein Düsenjet, der hydraulisch bewegt werden kann.

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Der junge Officer – stilgerecht mit Sonnenbrille – hat sichtlich Spaß daran, dem Publikum zu zeigen, was das Ding kann. Hoch und runter und auch noch zur Seite bewegt er das Flugzeug, und schließlich kommt noch ein Clou hinzu: aus den hinteren Düsen steigt Rauch! Gleich startet der Jet zur nächsten Mission.

 

 

 

 

 

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Die anderen Wagen haben’s nicht so mit Hollywood, sondern nehmen teilweise politische oder aktuelle gesellschaftliche Themen auf die Schippe.

Zum Beispiel dieser Wagen: er zeigt die Jamaica-Flagge im Hintergrund und „Jamaicaner“ mit Sonnenbrille und Rasta-Mützen in den Landesfarben neben Palmen. Die Jamaica-Koalition ist ja dann nicht zustande gekommen, deshalb die Aufschrift „Nach Joints und Frustration – gab’s ‘ne große Koalition“.

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Das Jamaica-Thema war beliebt, vielleicht auch, weil es so viel Buntes hergibt: noch eine andere Gruppe hatte das Thema aufgegriffen:

„In Bösel von Null auf Hundert“ steht an der Seite des Wagens.

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Ein Wagen mit lauter „Teufelchen“ als Besatzung klärt uns auf: der Teufel hat den Schnaps gemacht, um uns zu verderben…

Ohgottohgott! Bei diesem Wagen wurde zum Erschrecken des Publikums gleich beim Runterfahren vom Hof ein Teil vom Aufbau abgerissen, weil ein Baum im Weg war.

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Aber macht nichts: wie man sehen kann, halten sich auf dem Wagen lauter Brückenbauer von den „Böseler Buerbeer Brücken Bauern (BBBB)“ in Monteurskleidung auf, die rasch das Brückengeländer reparieren:

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Die Böse(l)-Angels mit ihrer Piep-Show (wer hat denn die Unterwäsche gespendet?):

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Auf einem anderen Wagen singt ein Gospel-Chor die ganze Zeit „Oh, happy day!“ und tanzt dazu.

Um den Sinn dieses Wagens zu verstehen, muss man etwas regionale Kenntnisse besitzen:

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Vor etwa einem Jahr gab ein wichtiger Arbeitgeber, ein Schlachtbetrieb, auf, woraufhin viele Leute arbeitslos wurden. Der Spruch am Wagen deutet darauf hin: „Vogler’s Schweine sind Geschichte, der Chinese macht bald Hundegerichte“, wobei auf den Aufkauf von Betrieben durch Chinesen angespielt wird.

Hier kommen uns zwei grimmig guckende Böseler Zwerge entgegen:

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Dieses Bett ist auch ein Wagen mit Rollen und wird von zwei Rotkäppchen mit Verwandtschaft geschoben und gezogen:

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Im Bett liegt der böse Wolf, und die große Schere zum Bauchaufschneiden liegt auf der Bettdecke. Motto: „Rotkäppchen und der Bösel Wolf“… Eine Anspielung auf die Ausbreitung des Wolfs auch im Wendland.

„Böseler Spätzünder – 2019 wird alles besser!“ steht auf einem Wagen. Um dieses Motto zu verstehen, muss man wohl Insider sein.

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Oder hat die Gruppe vielleicht zu spät mit der Vorbereitung für den Umzug angefangen …? An der Seite weist noch ein Schild auf meine vermutetete Ursache hin: „Ganz egal wie groß die Uhr ist – mehr Zeit hatten wir trotzdem nicht“, und auf dem Wagen ist eine große Uhr montiert, die „fünf vor Zwölf“ anzeigt. Auch diese Idee ist originell – sich selbst auf die Schippe nehmen, weil man erst „fünf Minuten vor Zwölf“ mit den Vorbereitungen begonnen hat.

Und dieser Zug führt den Festumzug an: ein Fachwerkhäuschen auf Rädern mit den Honoratioren:

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Auch die Kleinen und „Kurzen“ haben sich soooo viel Mühe gemacht und sooooo hübsche Wagen dekoriert und sich soooo nett verkleidet:

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Die Generation der „Digital Natives“ hatte auch einen Wagen im Zug, Motto: „Haste What’s App am Start?– biste bei Buerbeer besonders Schmart“ mit lauter Social-Media-Symbolen und jeder Menge ironisch gemeinten „Like“-Symbolen:
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Ein „Superhelden“-Mobil mit lauter Supermen und Superwomen hat im Hintergrund des Wagens die Brooklyn-Bridge in Manhattan. Hier tauschen sich Superwoman und Superman mit der Top-Gun-Besatzung über den nächsten Einsatz in Manhattan aus:

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Das „Heimatministerium“ samt Heimatgefühlen und der Diskussion um die „deutsche Leitkultur“ wurde mit diesem Wagen auf die Schippe genommen:

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Den hinteren Teil des Wagens ziert ein typisch altdeutsches Wohnzimmerbild mit röhrenden Hirschen, umhängt von einer Spitzengardine:
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Seitlich am Wagen sind Twitter-Zitate zum Thema der „Heimat“-Diskussion angeklebt sowie Konterfeis vom neuen Innenminister Horst Seehofer.

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Vorne an der „Heimat-Kutsche“ ist die Deutschlandfahne befestigt, und an einer Angel hängt ein „typisch deutsches“ Grasbüschel:
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Dem Motto des Wagens: „Unsere Leitkultur: Falleri und Fallera“ entsprechend stehen auf der „Bühne“ des Wagens lauter „Heinos“ mit blonder Perücke, weißem Rollkragenpullover, weißer Hose, schwarzem Jackett und Sonnenbrille, „spielen“ Gitarre und „singen“ dazu Heino- und Volkslieder (die aber vom Band abgespielt werden 😉 ). „Blau-blau-blau blüht der En-zi-an!“!“ dröhnt es mit sonorer Heino-Stimme in meine Ohren, oder auch „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad – Motorrad – Motorrad!“. Obwohl das Abspielen dieser Lieder ironisch gemeint ist, schunkeln aber viele im Publikum dazu. Eine Gruppe von drei selbstbewussten siebenjährigen Mädchen geht am Wagen vorbei und hält sich mit den Zeigefingern jeweils beide Ohren zu. Auch ich gehe lieber etwas weiter.

Am Rand der Dorfstraße, die frühlingshaft von weiß blühenden Kastanienbäumen und aufgeblühten Sträuchern und Blumen in vielen Farben umrahmt ist, haben nun innerhalb einer Stunde die vielen, vielen hundert erwartungsvollen Besucher Aufstellung genommen, die Spannung beim Publikum und bei den Wagenbesatzungen steigert sich, und endlich geht es um 14:00 Uhr mit dem fröhlichen Festumzug los. Die Trecker tuckern laut, Musik schallt von den Wagen, die Gäste klatschen und freuen sich über die von den Wagen zugeworfenen Bonbons, und über allem strahlt der blaue Himmel.

Nach dem Festumzug geht es auf den Rummelplatz und in das Festzelt.

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Das Bierfest für die Bauern, das „Buerbeerfest“, ist eben ein richtig traditionelles deutsches Volksfest für die ganze Familie, für „Kind und Kegel“.

 

 

 

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