Gebräuche und Aberglauben im Wendland

Per Zufall habe ich im Internet ein  kostenlos herunterladbares E-Book gefunden, das unter anderem auch Berichte über Gebräuche und Aberglauben im Wendland enthält.

Das Buch mit 394 Seiten hat den Titel „Märkische Sagen und Märchen, nebst Anhange von Gebräuchen und Aberglauben“ (auch hier) und ist im Jahr 1843 in Berlin herausgegeben worden. Der Herausgeber heißt Adalbert Kuhn.

Allein schon zwei Titel der Geschichten im Buch sind „wendenbezogen“:

>Jean Kale, der letzte Wendenkönig
und
>Der Wendenkönig

Gebräuche und abergläubische Handlungen aus den namentlich erwähnten Orten Rebenstorf, Dangenstorf, Predöhl, Lübbow, Bülitz, Lüchow, Dannenberg werden geschildert sowie Handlungen allgemein aus den wendischen Gebieten.

Ich habe einige Passagen (aus Sütterlinschrift) „übersetzt“ und selbst betitelt:
-Der Kronenbaum
-Der Kreuzbaum
-Hahntreiben
-Väter töten
-Totenwache
-Osterlamm schlachten
-Maiumzug
-Aposteltage
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Der Kronenbaum am Johannistag (= 24. Juni)

„Die ehemaligen Wenden nördlich von Salzwedel richteten (…) am Johannistage den sogenannten Kronenbaum auf, der allein von den Weibern geholt werden durfte, keine schloss sich davon aus, und selbst körperliche Gebrechen hielten nicht von dem Zuge ab. Am Abend vor Johannis wurde dieser Baum, eine Birke, gehauen, und alle Zweige bis in  den Wipfel, an dem man eine kleine Krone stehen ließ, fortgenommen.

Am Johannistage selbst nahmen dann die Weiber das Vordergestell eines Wagens, spannten sich anstatt der Ochsen oder Pferde vor und und zogen also in das Holz.

Das Wetter oder der Weg mochte beschaffen sein, wie sie wollten, sie fuhren nicht aus der Heerstraße, sollten sie auch im Morast oder Wasser bis an die Ohren gehen müssen.

Die starken jungen Weiber gingen neben dem Wagen her, sangen Freudenlieder in wendischer Sprache, und ließen die alten Mütterchen ziehen, dass sie bersten mochten.

Sobald sie mit dem Baum an das Dorf zurück gelangten, erhoben sie ein Freudengeschrei, eilten grades Weges nach dem Orte, wo der alte Kronenbaum stand, und hieben denselben um, welchen ein Kosater oder Häusling kaufen und den alten Weibern dafür zwei Schilling zu Branntwein geben musste.

Der neue Baum ward nun unter vielem Frohlocken aufgerichtet, mit Kränzen und Blumen behängt, und mit zwölf oder mehr Kannen Bier nach ihrer Art eingesegnet.“


Der Kreuzbaum


„Bei denselben Wenden war es ehmals Sitte, mitten im Dorfe einen sogenannten Kreuzbaum, eine Eiche, aufzurichten, der so lange stehen blieb, bis er umfiel.

Er durfte jedoch alsdann vor Mariä Himmelfahrt nicht wieder gerichtet werden, weil sie sagten, die Stätte wolle es nicht leiden.

Diese Stätte wurde von etlichen für einen männlichen Geist ausgegeben, der sich an der Stelle des Baums aufhalte, daher auch kein Wende mit garstigen Füßen über diesen Platz gehen durfte.

Einst begab es sich zu Rebensdorf (nach anderen zu Dangsdorf), dass der Dorfbulle, als er von der Weide kam, seine juckende Lende mit solcher Gewalt daran scheuerte, dass der Baum darüber umfiel und den Bullen totschlug.

Dies nahmen die Bauern als ein doppeltes Zeichen eines bevorstehenden großen Unglücks*.

Zur Versöhnung der beleidigten Stätte aber wurde noch alle Jahre auf den Tag, wo der Bulle totgeschlagen wurde, all ihr Vieh, groß und klein, um den Baum getrieben.

Es wurde auch, wenn ein neuer Kreuzbaum aufgerichtet wurde, das Vieh eingesegnet.

Diese Einsegnung geschah in folgender Gestalt:
Zuerst soffen sich alle Bauern toll und voll, darauf tanzten sie in vollen Sprüngen um den Baum, und der Schulze führte in seinen Sonntagskleidern und mit einem breiten, weißen Handtuch um den Leib die Reihen an. Dann nahm der Schulze ein großes Licht nebst einem Glas Bier in die Hand, ging damit um das zusammengetriebene Vieh, bespritzte dasselbe mit Bier und segnete es mit wendischen Worten ein.

Zu Bülitz und im ganzen Drawehn (der Gau zwischen Lüchow, Dannenberg und Uelzen im Hannoverschen) wurden die Häuser, Ställe, Küchen, Keller, Kammern und Stuben mit Bier oder Branntwein an dem Tage, wenn der Kreuzbaum aufgerichtet wurde, begossen, und man glaubte, die Stätte wolle es so haben, und das Vieh würde andernfalls Not leiden.

Im Kirchspiel Predöhl jagten sie das Vieh um den Baum, damit es im selben Jahr wohl gedeihe, gingen auch mit einem großen Wachslicht, wie es überall bei diesen Gebräuchen Sitte war, um den Kreuzbaum, und redeten etliche wendische Worte.

Ja, man sagte, dass dort noch täglich ein alter Greis vor dem Baum niedergekniet sei und seine besondere Andacht gehalten habe.

So oft vor Zeiten eine junge Frau aus einem anderen Ort durch Heirat in ein solches wendisches Dorf kam, musste sie um den Kreuzbaum tanzen und etwas Geld hineinstecken. Dergleichen Opfer geschah auch, wenn jemand von einer Wunde oder von einem Schaden, die oder den sie fleißig am Baume zu reiben pflegten, geheilt worden war, und kein Mensch vergriff sich an dem Geld.

Dieser Kreuzbaum war nun zwanzig und mehr Ellen hoch, oben befand sich ein hölzernes Kreuz, und über diesem ein feststehender eiserner Hahn. Wenn nun Mariä Himmelfahrt nahte, so wählte man einen anderen Baum im Holze, ging an diesem Tage dorthin, die Hauswirte traten auf den Baum zu und jeder musste seinen Hieb hineintun, bis er umfiel.

Darauf wurde er auf einen mit Ochsen bespannten Wagen gelegt, sie deckten ihn mit ihren Jacken zu, dass nichts davon zu sehen war, und fuhren mit Freuden zu der Stätte, an der der vorherige gestanden hatte, und diese Stätte war ein kleiner runder Hügel mitten im Dorf.

Hier wurde er von einem wendischen Zimmermann viereckig gehauen und es wurden auf beiden Seiten Pflöcke angebracht, sodass man hinaufsteigen konnte.

Darauf wurde er unter Freudengeschrei aufgerichtet, der Schulze kletterte hinauf, setzte den Hahn auf und segnete ihn mit einem Glas Bier ein.

Zuletzt wurde gezecht und man behauptete, wenn es nicht geschehe, gedeihe das Vieh nicht.

*Die Lüneburgschen Wenden hielten es ohnedies für ein besonderes Unglück, wenn ein Bulle natürlicherweise starb, und wenn es geschah, wurde dieses Tier oft mitten im Dorf begraben, in einer gesondert angefertigten Grube, in die ihn der Abdecker stoßen musste, sodass er in ordentlicher Weise hat verscharrt werden können.“
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Weitere Gebräuche:

Hahntreiben
„An einigen Orten, namentlich im Amt Dannenberg, wurde jährlich ein Hahn so lange herumgejagt, bis er ermüdet hinfiel; dann schlug man ihn tot, kochte ihn und verzehrte ihn. Während der Mahlzeit durfte niemand aus dem Dorf gehen. Ein großes Brot wurde gebacken, von dem jeder etwas haben musste. Auch bei diesem Gebrauch hatte man hauptsächlich das Gedeihen des Viehs im Auge.“
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Totenwache

„Wenn jemand starb, war es ehemals bei den Wenden auf der Gabelheide Sitte, bei dem Toten zu singen und zu tanzen, auch die ganze Nacht über zu trinken und zuletzt die Güter der Verstorbenen zu benetzen.“


Väter töten

„Noch um das sechzehnte Jahrhundert soll es bei diesen Wenden Sitte gewesen sein, ihre alten Väter, wenn sie zur Arbeit untüchtig wurden, mit besonderen Zeremonien zu töten.“
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Osterlamm schlachten

„Auch schlachteten sie alljährlich am Karfreitag auf ihrem aufgerichteten Baum ein Osterlämmlein mit besonderen Gebräuchen.“
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Mai-Umzug

„Im Mai hielten sie einen Umzug um die Felder, wobei ein mit der Sitte vertrauter alter Priester, Sclavasco genannt, den Vortritt hatte; ein Spielmann zog auch mit und gebrauchte eine aus einem Hundsfell gemachte Sackpfeife oder Pauke, deren Ton, wie man glaubte, bewirkte, dass Regen und Gewitter der Saat keinen Schaden brächten.
Heutzutage wird besonders noch der Johannistag bei den Abkommen jener Wenden festlich begangen; ob indes noch besondere Gebräuche dabei herrschen, war nicht in Erfahrung zu bringen. Oft wird noch an den folgenden Tagen gefeiert und insbesondere viel getrunken.“
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Aposteltage

„Außerdem werden noch die Aposteltage gefeiert, so z.B. in Lübbow an der märkischen Grenze bei Salzwedel der Jacobitag, weil die hier stehende Kapelle diesem Apostel geheiligt war.
Am Donnerstagabend, welcher den Namen Ketschenabend führt, wird in dieser Gegend gefeiert; die älteren Frauen spinnen dann nicht, auch wird kein Dünger ausgebracht.“
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Wie gut, dass inzwischen Menschenrechts-. und Tierschutzgesetze auch im Wendland gelten …

 

 

 

 

 

 

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