Wenden im Wendland??

Lüchow, 30. August 2018.
Vor wenigen Wochen nahm ich an einer Führung durch ein jahrhundertealtes Rathaus in einer norddeutschen Hansestadt teil. Die Gästeführerin erklärte und erklärte. Es war sehr interessant.

Als sie den „Wendischen Städtebund“ erwähnte, zu dem diese Hansestadt einstmals gehörte, hakte ich nach.

„Zum Wendischen Städtebund gehörten Städte wie Wismar, Stralsund, Stettin, Greifswald oder Lüneburg, und in diesen Gegenden lebten ja zur damaligen Zeit die Wenden und Sorben, wobei die Sorben selbst sich heute noch als „Wenden“ bezeichnen“, erläutert die Gästeführerin.

Ich sage, dass ich aus dem „Wendland“ komme.

„Ach, das Wendland! Da gibt es ja kaum noch Wenden!“ sagt die Gästeführerin mit Nachdruck, „Und die paar Wenden, die es dort noch gibt, haben längst ihre Identität verloren! Da sind Tausende von Fremden eingewandert! Tau-sen-de – vor allem Berliner! Und Künstler! Da gibt es ja richtige KünstlerKOLONIEN!“ – Sie betont stimmlich das Wort „Kolonien“.

Das, was sie sagte, kam mir doch irgendwie bekannt vor. Ach ja, ich hatte in der Zeitung gelesen, dass es in Lüchow eine Wanderausstellung über die Sorben, die sich ja eher in Brandenburg und in Sachsen und Mecklenburg angesiedelt hatten, geben solle. Und in der Ankündigung dieser Ausstellung standen ähnliche Worte wie die der Gästeführerin: „verlorene Identität der Sorben“, „Zuwanderung Tausender Fremder“…

Jetzt wollte ich mir doch die Ausstellung über die Sorben einmal ansehen. Die Ausstellung ist im „Allerlüd“ zu sehen, das ist eine Art Gemeinschaftshaus. Der erste Anlauf am Sonnabend Vormittag ging schon mal daneben, da das Allerlüd geschlossen hatte.

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Das „Allerlüd“ – Gemeinschaftshaus in der Berliner Straße in Lüchow.

Aber am vergangenen Freitag klappte es. Am Frühstückstreffen von Senioren vorbei gelangte ich auf einen Flur, an dessen beiden Seiten diverse Roll-ups mit Fotos und Infotexten über die Sorben standen. Die Texte waren dabei sowohl auf Deutsch wie auch auf Sorbisch verfasst.

Beim Lesen der Infotexte erfahre ich so allerhand über die Sorben. Zum Beispiel, dass die „Sorben“ heute das kleinste slawische Volk mit nur etwa 60.000 Personen sind und zu den vier „autochthonen“ Minderheiten in Deutschland gehören.

Slawische Stämme, die im Zuge der Völkerwanderung vor ca. 1.400 Jahren das Land zwischen Oder und Elbe/Saale und zwischen Ostsee und den deutschen Mittelgebirgen besiedelten, waren ihre Vorfahren. Das Siedlungsgebiet verringerte sich im Laufe der Jahrhunderte, und heute befinden sich Sorben bzw. deren Nachkommen hauptsächlich noch in der Oberlausitz in Sachsen und in der Niederlausitz in Brandenburg.

Dabei ist es nur den Nachkommen der „oberlausitzischen Milzener“ und den „niederlausitzischen Lusizern“ gelungen, ihre Sprache und Kultur bis in die heutige Zeit zu erhalten. Zu diesem Zweck wurden Trachten- und Heimatvereine gegründet.

1912 wurde als Dachverband sorbischer Vereine die „Domowina – Bund Lausitzer Sorben e.V.“ gegründet. Die Domowina war unter den Nazis (wegen deren Bestrebungen zur „Germanisierung“) verboten worden, lebte aber nach dem Krieg in der ehemaligen DDR wieder auf. Heute sieht sich die Domowina als „politisch unabhängiger und selbstständiger Bund Lausitzer Sorben und Dachverband sorbischer Vereine der Ober- und Niederlausitz“ und fühlt sich verantwortlich für die weitere Zukunft des sorbischen Volkes.

Gründungsort der Domowina war Hoyerswerda. In Lohsa bei Hoyerswerda wurde 1991 die „Stiftung für das Sorbische Volk“ gegründet, aus deren Mitteln sorbische Institutionen und Projekte zur Bewahrung und Fortentwicklung der sorbischen Sprache, Kultur und Identität gefördert werden.

2001 wurde als selbstständige Abteilung der Domowina in Bautzen das WITAJ-Sprachzentrum gegründet, das in Kindergärten und Schulen die Vermittlung der sorbischen Sprache fördern will.

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Straßennamen in der sorbischen Lausitz sind zweisprachig beschriftet: deutsch und sorbisch.

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Kulturinformationen bieten zwei Museen an: das „Wendische Haus“ in Cottbus und das „Haus der Sorben“ in Bautzen.

Die „Obersorben“ bezeichnen sich selbst deutschsprachig als „Sorben“, während die „Niedersorben“ den Begriff „Sorben“ und „Wenden“ für sich selbst nebeneinander verwenden. In früherer Zeit wurden alle Lausitzer Sorben als „Wenden“ bezeichnet. Das ist abgeleitet vom römischen „Veneti“, mit dem römische Geschichtsschreiber ihnen im Einzelnen nicht bekannten slawischen Stämme bezeichneten, die seit der Völkerwanderung in Mittel- und Ostdeutschland (und auch Österreich) siedelten.

Die obigen historischen Bezüge und Erklärungen habe ich dem Flyer „Sorben/Wenden“, herausgegeben von der Stiftung für das sorbische Volk, der neben den Roll-ups zum Mitnehmen bereitlag, entnommen. Die Fotos sind von den Roll-ups aufgenommen worden.

Mehr Informationen über die Sorben kann man auch auf der Webseite www.sorben.de finden.

Hier noch ein paar Bilder von den Roll-ups:

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Im Fernsehen kamen gerade in den letzten Tagen so viele Berichte über fremdenfeindliche Demonstrationen und Ausschreitungen gerade in Sachsen. Also einerseits befinden sich in Sachsen Bestrebungen zum Erhalt einer bewusst in Abgrenzung zum „Deutschtum“ empfundenen anderen Kultur, andererseits  wollen viele „Sachsen“ anscheinend nicht so gerne andere Kulturen unter sich haben. Interessant. Sind die “Sachsen“ jetzt auch etwa gegen die „Sorben“, oder sind die „Sorben“ jetzt auf der Seite der „Sachsen“…? Gibt es bald drei Straßenbezeichnungen auf den Straßenschildern: auf „Deutsch“, „Sächsisch“ und „Sorbisch“??? Fragen über Fragen.
Gerade habe ich davon gelesen, dass die Sorben tatsächlich auch rechtsextremen Pöbeleien ausgesetzt sind…

Das Wendland braucht sich ja über den Erhalt und die Pflege einer lebendigen „wendischen“ Sprache, nämlich dravänopolabisch, kaum Gedanken machen, da niemand weiß, wie es ausgesprochen wurde. Aber ein bisschen Vermittlung wichtiger Wörter im Sachkundeunterricht in der Schule wäre doch nicht schlecht. Wenigstens das Plattdeutsche sollte doch einmal mehr gefördert werden. Kaum noch jemand im Wendland spricht Platt, während einem allerorts „juut“, „keene“, „det“, „icke“ und „nüscht“ um die Ohren fliegt.

Also was die Identitätspflege betrifft, haben die „Sorben“ es den „Wenden“ auf jeden Fall voraus. Obwohl es auch hier im Lübelner Museum Heimatpflege gibt und auch wendländische Tanz- bzw. Trachtenvereine wie „De Överpetters“ oder „De Wendländers“.

Vielleicht könnte man auch mal so eine Wanderausstellung mit Roll-ups über das „Wendland“ organisieren und sie herumschicken.

(Ergänzung vom 19.10.18:)
Im Internet habe ich noch diese Seite gefunden. Es scheint einmal Bestrebungen der „Wenden“ in Brandenburg gegeben haben, sich von den „Sorben“ abzugrenzen.

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