Ben Waters rockt das Stones Fan Museum Lüchow

Lüchow, 30. November 2018.

(Alle Fotos: freundlicherweise von Wolfgang Werner zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!)

Ben Waters, einer der besten Boogie-Piano-Spieler aus England, trat am Donnerstag, den 29.November 2018 im Stones Fan Museum in Lüchow auf.

Ich komme etwas später zum Konzert von Ben Waters dazu. Gerade als er davon erzählt, wie er einige Jahre vor Ende des Kommunismus in Russland war, etwa 1990, zu einem Auftritt in einer kleinen Stadt nahe Moskau. Er lernt einen Mann namens Igor kennen, der von seiner Art von Musik begeistert ist und ihm mitteilt, wie schade es sei, dass er erst im Alter von 56 Jahren das erste Mal Rock ‘n‘ Roll hören durfte. Rock ‘n‘ Roll von Ben Waters interpretiert.

Ben Waters – konzentriert am Stage Piano

Ben Waters fängt an, seine Version von „Johnny be good“ zu spielen – mit russischem Einschlag. Für Igor. Mit Kosakentanz-Klassik und ein bisschen Kalinka vermischt. „Russki Rock“, sagt Ben dazu.

Schnell wird mir klar, dass Ben Waters richtig lustig ist. Er beherrscht sein Instrument, das Piano, nicht nur perfekt, sondern versteht es auch, Scherze zu machen, das Publikum anzusprechen, zu unterhalten. Er ist ein Unterhalter – ein „Entertainer“. Seine Schuhe sind ihm lästig, er streift sie ab und sitzt nun in schwarzen Socken vorm Piano , mit je einer blau-grünen und einer roten Spitze!

Ben Waters am Piano – unten ohne (Schuhe).

Sein Denglisch kommt beim Publikum an, sie folgen ihm, lachen über seine Anekdoten. „Deutsch ist so schwer!“ stöhnt Ben einmal. „Du versteh’n?“.

 Aber in den fünfundzwanzig Jahren, die er bereits in Deutschland auftritt, hat er einiges gelernt und weiß auch, dass er sich jetzt in „Luschau“ (= Lüchow) befindet, wo er einen „Weihnachtsbaum“ und einen „Weihnachtsmarkt“ gesehen haben will. Einen Weihnachtsbaum hat er auf jeden Fall gesehen, nämlich den auf der Bühne hinter ihm, der steht das ganze Jahr voll geschmückt an der gleichen Stelle und heißt außerhalb der Weihnachtszeit „Wunschbaum“.

„Route 66“ schlägt Ben an, seine Finger gleiten wirbelnd über die Tasten. Der Rhythmus ist schnell, mitreißend. Schade, dass auf den Sesseln anscheinend Klebstoff ist. Das fast durchgängig ältere Publikum sitzt. Und sitzt. Einige wackeln immerhin mit den Schultern im Takt der Musik oder mit dem Kopf. Dabei ist es reinste Tanzmusik. Jedoch wird frenetisch geklatscht, sogar gejohlt und gepfiffen, die Frauen und Männer sind begeistert. Am Rand stehen einige und wippen mit den Füßen mit oder trauen sich, mit den Hüften hin und her zu wackeln.

Ben Waters versucht sich an verschiedenen berühmten Songschreibern und Sängern, interpretiert aber jeweils ganz eigen und originell. „Jetzt kommt ein Lied von Rod Stewart!“ kündigt er an. „Stellt euch Rod Stewart vor!“ sagt er verschmitzt. – Der Song klingt natürlich ganz anders, als ihn Rod Stewart vorgetragen hat. Eben auf eine ganz eigene, andere Weise.

Mehrmals fragt er ins Publikum hinein: „Haben Sie einen Wunsch?“- Aus dem Publikum kommt: „Johnny Cash!“ – Entweder hat Ben das nicht gehört, oder er mag Johnny Cash nicht. Er fragt wieder: „Haben Sie einen Wunsch?“- Wieder kommt die Stimme mit „Johnny Cash“. Und noch ein drittes Mal.

Schließlich schlägt Ben Waters einige Takte eines Johnny Cash-Songs an und ahmt dessen Stimme nach, einige Oktaven tiefer als seine eigene. Er singt aber nur eine Strophe.

Dann fragt er wieder: „Haben Sie einen Wunsch?“. Eine Stimme ruft: „Jerry Lee Lewis!“ – und das ist genau das, was Ben hören wollte. Seine Finger klimpern auf den Tasten herum – wie Jerry Lee Lewis, und er singt vom „Pinball“ und den Mann, den er in Reno gesehen habe. Später erzählt er, dass er Jerry Lee Lewis in Memphis besucht habe und dort ein riesiges Plakat mit der Ankündigung eines Konzerts mit Jerry Lee Lewis in Wien gehangen habe, wo sein Name – Ben Waters – auch daraufgestanden habe – ganz klein zwar, aber immerhin. Ja, er ist zusammen mit Jerry Lee Lewis aufgetreten.

Nach etwa einer Stunde steht eine Pause an. Ben Waters zieht sich, begleitet von Gastgeber Ulli Schröder, in die VIP-Lounge zurück. Viele Besucher stehen nun auf, holen sich ein Bier am Tresen oder gehen herum, um sich die Exponate im Museum anzuschauen.

Ich komme mit einer Frau ins Gespräch. Sie ist gebürtige Hamburgerin, ist aber mit ihrem Mann vor 21 Jahren bewusst ins Wendland gezogen, nach Gusborn. In ihrer Jugend fand sie die Rolling Stones furchtbar, sagt sie, „die waren so ordinär!“.Sie mochte die Beach Boys und die Byrds, also eher die softe Musik. Aber jetzt gefällt ihr die Musik der Stones. Als sie mir gerade von ihren Katzen erzählt, kommt Ben Waters aus der Pause zurück, und ich mache spontan dieses Foto:

Hello – I’m back again!

Wieder zurück an seinem Piano, holt Ben einen jungen Mann aus dem Publikum auf die Bühne und stellt ihn als „Freund“ vor. Er heißt Dirk und greift zu einer Akustik-Gitarre mit Verstärker. Zuerst wird es ein bisschen bluesig, aber dann spielen Ben am Piano und Dirk an der Gitarre zusammen „Miss you“ von den Stones und Dirk singt den Text. Das „U-u-u-u-u-u-u“im Song summen nicht wenige aus dem Publikum mit. Dann spielt und singt Dirk noch ein eigenes Lied „Since I know you“.

Dirk spielt spontan mit, ohne geprobt zu haben.

Dirk heißt mit vollem Namen Dirk Ballarin, ist 40 Jahre alt und selbst Musiker. „The Pax“ heißt seine Gruppe, und im Dezember diesen Jahres kommt ein neues Album heraus. Der vorgetragene Song „Since I know you“ ist mit auf diesem Album zu hören.

Dirk kam mir so bekannt vor, und nach dem Konzert im Gespräch klärt sich, warum: er war nämlich als Tourmanager beim Konzert von David Knopfler im Stones Fan Museum 2016 dabei und saß an einem Tisch im Hintergrund mit CDs von David Knopfler. Jetzt zum Konzert von Ben Waters hat er auch das Stage Piano, auf dem Ben spielt, organisiert. Es gehört nämlich David Knopfler. Ja, die Musikwelt ist eben vernetzt.

Dirk setzt sich wieder ins Publikum, und nun kommt „Uli aus Remscheid“ auf die Bühne, ein „zweiter Freund“, sagt Ben. Uli bedient die E-Gitarre, und zusammen spielen und singen sie nun „Honky Tonk Woman“ von den Stones. Dann sagt Uli scherzhaft: „Wir sind doch hier im Rolling Stones Museum – da darf ein Stück von den Beatles ja nicht fehlen!“ – und schon erklingt „I feel fine“. Später kommt noch ein Beatles-Song hinzu: „Let it be“, was von vielen im Publikum mitgesungen wird, jedenfalls, was den Refrain betrifft.

Uli aus Remscheid 

Ben Waters kündigt an, dass er im nächsten Jahr aufhören wolle, aufzutreten – nach insgesamt 6.000 Konzerten. Das letzte Konzert wird Ben Waters am 17. November in London geben. „Ich werde dann viel Zeit haben, mit meinem Hund spazieren zu gehen. Und ich werde vegetarisch essen!“ sagt Ben.

Ich spreche später mit seinen Begleitern darüber und frage, ob das stimmt oder ob Ben gescherzt habe. Denn Ben ist ja erst Mitte Vierzig. Ja, es stimmt. Ben ist fast nur auf Achse gewesen, ein Konzert nach dem anderen, und nun möchte er zu Hause bei seiner Familie bleiben und sich mehr um seine beiden fast erwachsenen Kinder kümmern. Und gesünder leben.

Er hat in Südengland ein Anwesen namens „Water Combe House“ in der Grafschaft Dorset, nahe Dorchester. Dort besitzt er auch eine Kneipe namens „Stumble Inn“, die nur geöffnet hat, wenn er zu Hause ist. Also eher selten. Auch um das Inn möchte er sich nun mehr kümmern, dort eigene Auftritte und vielleicht Festivals organisieren. Ben hat ja auch ein zweites – oder drittes? – Standbein, nämlich als Organisator von Musikerauftritten, also als Konzertveranstalter.

Gegen halb elf endet der Auftritt, Ben verabschiedet sich und geht von der Bühne. Aber das Publikum, das inzwischen recht aufgelockert ist, klatscht und klatscht und ruft nach Zugaben. Der freundliche Ben gibt nach und setzt sich nochmals ans Piano, holt seine beiden Freunde Dirk und Uli auf die Bühne, und nun rocken alle drei zusammen, unterstützen sich gegenseitig mit ihren Instrumenten und ihren Stimmbändern: eine Jam Session quasi, denn sie haben nicht zusammen geprobt, sind aber alle musikalisch genug, um die passenden Töne und Akkorde aufeinander abgestimmt zu treffen.

Die Jam Session im Zugabenteil: Ben Waters & Friends Dirk (l.) und Uli (r.).

Bald übernimmt Ben eine Art Regie und zeigt mit dem Finger mal auf Dirk, mal auf Uli und mal auf sich selbst und bestimmt so, wessen Instrument nun jeweils im Vordergrund stehen soll.

Ben führt im Zugabenteil Regie mit dem Zeigefinger: jetzt du!

Die Stimmung auf der Bühne ist lustig, man merkt die Spielfreude der drei und dass es ihnen Spaß macht, zusammen zu spielen. Ein Stück geht in das andere über, eben hört man noch „A Hard Day’s Night“ von den Beatles, dann nach einigen Klimperübergängen von Ben wird daraus „Little Queenie“. Jeweils von Zurufen des Publikums spontan intoniert.

Aber dann kommt Ulli Schröder, der Chef des Stones Fan Museums, auf die Bühne und bedankt sich bei Ben Waters und seinen beiden Freunden für den grandiosen Auftritt. Ben lässt sich nicht lumpen und preist das Engagement von Ulli Schröder, dessen Initiative, „the only Stones Fan Museum all over the world“ gegründet zu haben. Ulli Schröder wiederum lädt Ben Waters ein, gerne doch einmal wieder nach Lüchow zu kommen. „Deinen Hund kannst du gerne mitbringen und hier damit spazieren gehen!“, spielt Ulli auf Bens Erholungspläne an.

Dirk Ballarin, Ben Waters, Ulli Schröder und Ulrich Spormann (von links nach rechts) auf der Bühne im Stones Fan Museum

Schließlich ist Zeit für ein Bier, und neben die Bühne in eine Ecke gedrängt, finden Gespräche der drei Musiker mit Zuhörern statt, Fotos werden gemacht, Fragen beantwortet, Autogramme gegeben.

Ein verdientes Bierchen nach dem erfolgreichen Konzert: rechts Ben Waters und links sein Freund und Mitorganisator der Ben-Waters-Deutschland-Tournee Ulrich Spormann (63), genannt „Uli“, der seit mehr als zehn Jahren mit Ben zusammenspielt.

Ich bekomme auch ein Autogramm von allen dreien, hinten auf eine Postkarte aus dem Fanshop von Ulli Schröder, denn Ben Waters selbst hat keine Autogrammkarten dabei.

Die nächsten Auftritte von Ben Waters sind hier einzusehen.

Am nächsten Vormittag ist Ben wieder im Stones Fan Museum. Dort räumen inzwischen fleißige Helfer auf, bauen die Technik ab oder stellen Sessel wieder an die richtigen Plätze.

Ben entdeckt das bestimmt hundert Jahre alte Klavier im Museum und setzt sich spontan an das „echte“ Klavier – während er ja auf dem Konzert ein Stage Piano – eine Art Keyboard – bediente. Fröhlich klimpert er herum:

Ben Waters gibt eine Sondervorstellung am Klavier im Stones Fan Museum – im Hintergrund rechts Ulli Schröder, Inhaber des Stones Fan Museums Lüchow in Fankleidung.

Ein letztes Foto wird gemacht: Ulli Schröder und Ben Waters stellen sich vor ein großes Porträt von Ron Wood. Und dieses Foto wird im Stones Fan Museum hängen.

Ron Wood, der Gitarrist der Rolling Stones, hat eine große Bedeutung für das Stones Fan Museum, denn Ulli Schröder war einmal viele Jahre lang der Galerist für Ron Wood und hat daher nicht nur Ron Wood selbst, der ja auch selbst bildender Künstler ist und unter anderem das Cover für das letzte Stones-Album – Confessin‘ the Blues – entworfen hat, viele Male getroffen, sondern auch alle anderen Stones-Mitglieder kennengelernt.

Ja, das Stones Fan Museum im kleinen Lüchow mit seinen ca. 9.500 Einwohner*innen ist eben die Verbindung zur großen weiten Welt!

Das Stones Fan Museum ist für eine Winterpause geschlossen und öffnet wieder am Ostersonntag. In der neuen Saison werden dann erstmalig die bedeutenden Neuerwerbungen des Museums zu besichtigen sein, nämlich Originalautos, die ehemalig im Besitz von Mick Jagger und Bill Wyman waren. Am Ostersamstag davor wird eine Stones-Cover-Band die Saison eröffnen. Karten können vorbestellt werden.

Ulli Schröder und seine Frau machen jetzt erst einmal Urlaub im fernen Dubai.

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