Vandalen unter Wenden – Teil 2


Heute am 1. Januar fahre ich auf der Suche nach einem geöffneten Cafe durch die Lange Straße, der Hauptgeschäftsstraße in Lüchow – und sehe dieses:

Der Pavillon steht direkt an der Brücke über die Jeetzel, dem Fluss durch Lüchow, an der Lange Straße, und ist komplett zerstört: ausgebrannt!

In der Online-Ausgabe der örtlichen Zeitung, der Elbe-Jeetzel-Zeitung, lese ich, dass in der Silvesternacht um kurz nach 2:00 Uhr durch ein zerstörtes oder eingeschlagenes Fenster Feuerwerkskörper geworfen worden seien, die dann den Brand ausgelöst hätten. Schaulustige hätten die Arbeit von Polizei und Feuerwehr erschwert und während der Löscharbeiten mit Feuerwerkskörpern auch in Richtung der Helfer geworfen. Der zuständige Ortsbrandmeister zeige sich empört über das Verhalten der Menschen.

Mein Vorschlag: die Böllerei und Knallerei zu Silvester einfach verbieten. In unserem kleinen Dorf wurde auch geknallt, als wenn hier die Reeperbahn persönlich wäre. Heute Morgen fand ich in meinem Garten sechs Feuerwerkskörperreste. Irgendwann brennt das erste alte Fachwerkhaus in Lüchow oder in den Dörfern ab, weil sich ein Feuerwerkskörper „verirrt“ hat. Dann ist nichts mehr mit „Weltkulturerbe“.

Lüchow und die Dörfer haben doch genug Erfahrung mit Bränden: vor zweihundert Jahren ist doch halb Lüchow abgebrannt, und auch unser kleines Dorf war schon einmal vor etwa zweihundertdreißig Jahren komplett abgebrannt; auch in anderen Dörfern gab es Feuersbrünste, zum Beispiel in Volzendorf. Und denkt einmal an Dannenberg: erst vor ein paar Monaten sind dort jahrhundertealte Fachwerkhäuser im Zentrum abgebrannt. Warum es erst so weit kommen lassen? Hätte-hätte-Fahrradkette – wenn erst einmal etwas passiert ist in historischen Häusern, in denen die Bewohner jahrhundertelang sorgsam mit Feuer umgegangen sind – Öfen, Herde, die mit Holz beheizt wurden – , bloß weil sich ein paar feierwütige Leute vergnügen wollten, ist das Geschrei groß.

Also ich bin jedenfalls nicht scharf darauf, dass Feuerwerkskörper in mein altes Fachwerkhaus fallen und dort einen Brand auslösen. Hier auf den Dörfern liegt auch überall Holz herum, wenn da mal ein brennender Feuerwerkskörper hineinfliegt. In Woltersdorf hat dieses Jahr sogar eine Hecke Feuer gefangen. In Lüchow ist Silvester ein Feuerwerkskörper durch ein Fenster auf Kippstellung geflogen und hat dort in der Wohnung einen Brand mit Feuerwehr- oder Polizeieinsatz ausgelöst. 

Ich habe die Feuerwerksvorführung kurz vor Silvester bei einem Baumarkt beobachtet: da explodieren Feuerwerkskörper ja sogar in richtigen Flammen; wirkt wie eine kleine Bombenexplosion. Wenn sowas in die Hände der „richtigen Leute“ gerät – na, danke!

Bei uns in Bremen ist die Knallerei auf dem Marktplatz und in der Innenstadt schon seit ein paar Jahren verboten, um die alten Gebäude nicht zu gefährden. Die Leute sind einfach zu naiv und rücksichtslos und feuern Feuerwerkskörper auch einfach auf Menschen ab. Außerdem ist die Knallerei auch nicht angenehm für die Tiere und für kleine Kinder. Und der ganze Feinstaub in der Luft…

Der hübsche, gepflegt aussehende Pavillon, weiß gestrichen mit großen Glasfenstern zu allen Seiten, war Eigentum der Frau, die in ihm versuchte, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, indem sie zunächst lange Zeit Blumengestecke und –gebinde anbot. Seit ein paar Monaten – das war mir aufgefallen – standen aber auch überladene Kleiderständer und Regale mit gebrauchter Kleidung vor der Tür und im Laden, die sie teilweise für 1.—Euro anbot.

Verbrannte Kleider…

Vor einigen Wochen – es war wohl Anfang Dezember – sprach ich sie einmal an und fragte nach der Höhe der Pacht für den Pavillon. Sie sagte, das sei ihr Eigentum. Ich riet ihr, doch andere Dinge zu verkaufen, der Laden müsse doch in der Lage eigentlich eine Goldgrube sein, aber sie plante, wieder für die Adventszeit Blumengestecke und Kränze anzufertigen.

Gestern nun, beim Silvesterlauf, sah ich im Vorbeigehen so gegen halb vier, dass sie die vor der Tür auf dem Gehweg ausliegenden Gestecke – zum Beispiel Grabgestecke – wieder in den Laden holte. Und auch die Kleiderständer. Eine Fensterscheibe war da jedenfalls noch nicht zerstört.

Und nun heute sehe ich alles verbrannt. Als ich die Unglücksstelle ansehe und einige Fotos mache, kommen drei schwarz gekleidete Jungs um die Zwanzig auf mich zu und machen sich über die Sache – den abgebrannten Pavillon – lustig. Sie fragen, ob ich die Frau gekannt habe. Sie amüsieren sich und lachen und schauen immer wieder in den Pavillon. Warum machen sie das?

Der Laden war für die Frau ihre Existenzgrundlage. Wovon soll sie jetzt leben? Und erst recht in der Zeit, bis die Polizei ermittelt hat, der Laden geräumt und möglicherweise wieder hergerichtet werden kann? Der Schaden wurde in der Online-Ausgabe der Zeitung mit 30.000 Euro angegeben.

Totalschaden – alles ausgebrannt

Die arme Frau, sie tut mir Leid. Das war für sie kein guter Einstieg ins neue Jahr.

War es nur ein übler Scherz, eine Scheibe zu zerstören und Feuerwerkskörper in böser Absicht hineinzuwerfen? Eine Sache, die auf Trunkenheit gepaart mit Charakterlosigkeit und Dummheit basiert? Oder hat es jemanden gestört, dass in so exponierter, guter Geschäftslage die genannten Produkte verkauft – beziehungsweise: angeboten – wurden (verkauft wurde ja nicht viel…)? Kleiderständer mit gebrauchter Kleidung? Der die Silvesternacht mit der allgemeinen Knallerei und dem Umherwerfen von Feuerwerkskörpern bewusst ausgenutzt hat?

Brandstiftung – hier im Wendland nicht selten. Im Mai letzten Jahres wurde zum Beispiel Feuer im örtlichen KIK-Markt gelegt. Ein oder zwei Jahre vorher wurde ein ganzes Einkaufszentrum in Dannenberg mit mehreren Läden durch Brandstiftung in Schutt und Asche gelegt. Im Ort Göhrde wurde vor zwei Jahren oder so Feuer im Dachstuhl eines leerstehenden Hauses gelegt, der dann ausbrannte. Im Februar 2017 wurde durch Brandstiftung die Werkstatt eines Autoreparaturbetriebs in Lüchow zerstört.

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