Bremen, Mumbai, Venedig, Wendland …


Mumbai

Der Sohn meiner Freundin ist, obwohl noch keine Dreißig, bereits Abteilungsleiter in einer auf Medizintechnik spezialisierten Firma und muss neuerdings häufig in verschiedene Länder reisen.

Neulich war er zusammen mit einem Mitarbeiter in der Megastadt Mumbai in Indien.

Meine Freundin erzählt mir am Telefon seine Erlebnisse, die er zu Hause im ordentlichen schwäbischen Ländle mitgeteilt hat, offenbar unter Einwirkung eines Kulturschocks. „Stell dir vor, die beiden gehen die Straße entlang, und plötzlich zieht sich vor ihnen ein Mann die Hose runter, hockt sich an den Straßenrand und …“ nun ja, erleichtert sich. Und überhaupt, überall würden dort die Menschen einfach hinpinkeln! Und überall würde Müll herumliegen!

„Was, darüber regst du dich auf?“ sage ich, „Das ist bei uns doch auch so!“

Bremen

In Bremen stand schon mehrfach in der Zeitung, dass in der Gegend um den Bahnhof herum einfach überall herumgepinkelt wird, an die Bahnhofswände im und am Bahnhof, auf die Grasfläche vorm Museum, an die Hotels und Gaststätten.

Hinten im Bahnhofsgebäude ist ein Supermarkt, den ich in der letzten Woche aufgesucht hatte. Im Vorraum lungern immer einige Männer herum, und ich bekam mit, wie sie von der Security aus dem Gebäude geworfen wurden, weil jemand von ihnen da hingepinkelt hatte. In den Vorraum.

Die Stadtverantwortlichen haben diverse Maßnahmen ergriffen, um die Wildpinkelei einzudämmen. Die Polizei lässt sich öfter mal blicken, die Bahn schickt mehr Security-Leute durch den Bahnhof, und es wurde ein Pissoir aufgestellt. Über das Pissoir beschwerten sich dann wiederum Geschäftsleute, vor deren Geschäft oder Hotel das Pissoir aufgestellt wurde, weil es stinken würde und der Urin unten aus dem Pissoir laufe.

Vor vielen Jahren gab es einmal einen Tunnel, der seitlich am Bahnhofsgebäude entlang zur Bürgerweide führte, auf der Volksfeste wie der Freimarkt stattfinden und auf dem die Stadthalle steht, in der alkoholschwangere Veranstaltungen wie das Sechs-Tage-Rennen stattfinden. Die Besucher dieser Feste gingen also am Bahnhofsgebäude vorbei durch diesen Tunnel zu den Volksfesten und kehrten auch durch den Tunnel wieder zurück zu den Bus- und Straßenbahnhaltestellen vorm Bahnhof.

Der Tunnel wurde im Volksmund der „Piss-Tunnel“ genannt – weil vor allem Männer ständig an die Innenwände pinkelten und es dort entsprechend nach Urin stank. Der Tunnel wurde aus diesem Grund – vor langer Zeit schon – geschlossen.

Nun müssen Besucher von Volksfesten, um zur Bürgerweide hinter dem Bahnhof zu kommen, durch das Bahnhofsgebäude selbst. Beim letzten Freimarkt im Oktober habe ich selbst einmal gemerkt, was das bedeutet. Ich wollte zum Supermarkt im hinteren Gebäudeteil des Bahnhofs und fand mich in einer Menschenmasse wieder, die dicht gedrängt mehrheitlich zum Freimarkt wollte. Zwangsweise Körper an Körper schoben sich die Menschen zentimeterweise vor. An ein Ausbrechen nach links oder rechts war nicht zu denken, denn die Menschen wollten nicht alle in dieselbe Richtung, sondern es kamen auch etwa gleich viele Menschen aus der Gegenrichtung, die zum Bahnhofsausgang wollten. Ein einziges Chaos. Wer einfach nur – im Bahnhof! – seinen Zug erreichen wollte, hatte sehr schlechte Chancen. Ich habe nur gehofft, dass keine Massenpanik ausbricht so wie bei manchen Fußballspielen schon geschehen oder im Tunnel auf der Love Parade in Duisburg vor einigen Jahren.

Vielen Dank, ihr Wildpinkler!

Inzwischen – es stand vor einigen Wochen in der Lüneburger Landeszeitung wie auch in der Elbe-Jeetzel-Zeitung – hat die Stadt Bremen Ordnungshelfer eingestellt, die sowohl Wildpinkler als auch Müllverursacher zur Rechenschaft ziehen sollen. Ordnungswidrigkeiten wie Zigarettenkippen wegwerfen wird mit 20.– € geahndet, wer einen Kaugummi zu Boden wirft, soll 35.– € zahlen, und wer mit seinem Hund ohne Leine durch den Park geht, sogar 55.– €.

Das wäre doch auch eine gute Idee, die Einnahmen des Landkreises Lüchow-Dannenberg zu erhöhen. Ich meine, neben den so zahlreich aufgestellten Blitzern an den Straßenrändern. Wildpinkeln ist nämlich auch eine Ordnungswidrigkeit, die im Bußgeldkatalaog aufgeführt ist. Zwischen 35.– und 5.000.– Bußgeldern können Gemeinden nehmen. Nicht immer nur an die Autofahrer gehen, die bezahlen sowieso schon Steuern!

Wendland

Bei uns am Dorfrand zum Beispiel gibt es eine Bushaltestelle, an der aber so gut wie nie ein Bus hält, weswegen das überdachte Wartehäuschen mit Sitzbank für diverse andere Zwecke genutzt wird. Zigarettenkippen liegen dort vor der Bank zuhauf, daneben Zigarettenschachteln und jede Menge Schnapsfläschchen und Bierflaschen und Getränkedosen.

Ganz abgesehen von zweckentfremdeten Taschentüchern und Toilettenpapier, denn der Randstreifen, an dem eigentlich Busse Passagiere aufnehmen oder abladen sollen, wird auch als Toilette genutzt.

Der ganze Randstreifen ist gewissermaßen urin- und kotdurchtränkt – eine einzige Kloake. Vom Wort „Kloake“ ist das Kurzwort „Klo“ abgeleitet! Vorbeifahrende Touristen, durchfahrende LKW- Fahrer wie auch einheimische Auto- und Radfahrer halten dort und erleichtern sich wie selbstverständlich.

Als wenn es selbstverständlich wäre, eine als Bushaltestelle vorgesehene Abzweigung von der Bundesstraße als Klo zu nutzen.

Einmal kam ich spätabends von der Arbeit nach Hause, es war schon dunkel. An der Bushaltestelle stand ein Auto, die Fahrertür war geöffnet. Neben der Fahrertür hockte ein Mann. Am nächsten Morgen schaute ich nach – ja, tatsächlich, ein Kothaufen lag an der Stelle. Da, wo Menschen ein- und aussteigen sollen. Kothaufen habe ich schon mehrere dort gesehen. Einfach ekelhaft. Man müsste eine Warntafel aufstellen: wegen der Bodenkontaminierung.

Atommüll wollen die Leute hier im Landkreis nicht haben, aber Pisse und Kacke sind ihnen offenbar egal. Ja, ich höre schon: was ist wohl gefährlicher? Ich möchte auch keinen Atommüll haben, aber Pisse und Kacke auch nicht! Es wird ja wohl möglich sein, beides zu vermeiden, und das Einfachere ist es zunächst, Pisse und Kacke zu vermeiden.

Einmal hielt ein älteres Ehepaar, das eine Radtour machte, an der Bushaltestelle. Ich arbeitete in meinem Grundstück, das neben der Bushaltestelle liegt. Die Frau ging so hin und her, und ich dachte mir schon, was sie vorhatte. Ich sprach das Ehepaar an und fragte, ob ich ihnen helfen könne. Da kam die Frau plötzlich die kleine Böschung hinuntergelaufen, auf mein Grundstück, mit suchendem Blick, und sagte tatsächlich:“ Ich suche nur ein Plätzchen zum Pieseln!“. Sie wollte auf meinem Grundstück und in meiner Gegenwart tatsächlich pinkeln! Ich sagte ihr, dass das hier nicht ginge, und dass sie bitte die öffentlichen Toiletten in Lüchow nutzen möge. Verdattert zogen die beiden ab.

Ein anderes Mal hielt ein Wagen mit Berliner Kennzeichen vor meinem Haus, eine Frau stieg aus, verschwand in dem Waldstück, das zwei oder drei Meter über die Straße vor meinem Haus liegt, und erleichterte sich dort. In meiner Gegenwart. Ich saß gerade vor dem Haus beim Kaffeetrinken. Zwei Minuten später erschien die Frau wieder, lächelte mich verschmitzt an und stieg in ihr Auto, um weiterzufahren.

In den letzten Spätsommertagen ging ich Richtung meines Grundstücks neben der Bushaltestelle und sehe da eine Frau in Hockstellung. Am Dorfrand. Neben der Straße. Auf meinem Grundstück. Ich gehe auf sie zu, da zieht sie sich gerade den blütenweißen Schlüpfer wieder hoch. Ich sage: „Was machen Sie denn da?“ ganz empört. Sie – gut angezogen, anscheinend höherer Bildungsstand – geht zurück zur Straße, wo ihre Begleiterin mit dem Fahrrad wartet. Ich schimpfe ordentlich, aber sie entschuldigt sich nicht mal, sondern wird auch noch pampig.

Gerade heute Nachmittag, am 3. Januar gegen 17:00 Uhr sehe ich wieder ein Auto an der Bushaltestelle halten. Um diese Zeit ist es noch dunkel. Ich ahne schon etwas, gehe nach vorne – und erwische tatsächlich einen Mann, wie er gerade auf mein Grundstück pinkelt. Im Stehen. Ich schimpfe ordentlich. Der Mann sieht gut angezogen aus, anscheinend von höherem Bildungsstand. Dass nicht einmal solche Leute wissen, dass Wildpinkeln illegal ist – egal, auf welchem Grundstück, öffentlich oder privat! Traurig. Was lernt man eigentlich in der Schule? Von den Eltern will ich gar nicht sprechen…

Und am letzten Samstag – inzwischen haben wir den 2. Februar – hielt gegen Viertel vor eins am Mittag ein PKW mit Hannoveraner Kennzeichen an der Bushaltestelle. Eine Frau steigt aus und lässt ihren winzigen Rehpinscher Gassi laufen. Auch der Mann entsteigt dem Auto, zündet sich eine Zigarette an und guckt irritiert immerzu zu mir rüber. Ich ahne natürlich schon, was er vorhat, da ich diese Verhaltensweisen schon zur Genüge kenne. Schließlich stellt sich der Mann an den nächsten Baum und pisst drauflos. Zwei Pinscher, die zusammen pissen, und Frauchen guckt zu. Ist sie anscheinend schon gewohnt. Ich spreche den Mann an und erkläre ihm, dass das hier kein Klo sei und dass Wildpinkeln eine Ordnungswidrigkeit sei. Frech sagt er: „Das können Sie gar nicht beweisen!“ und lacht mehrmals laut arrogant. Es ist ihm also gar nicht bewusst, dass er ein Fehlverhalten gezeigt hat, sondern vielmehr kommt es ihm darauf an, dass er dazu nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann. Er hat einen schwarzen gekräuselten Schnurrbart und schwarze Haare und erinnert mich deshalb an die Comicfigur „Zorro“. Vielleicht ist das auch der Grund, weswegen sein Autokennzeichen den Buchstaben „Z“ trägt. Der Mann sieht aus, als wenn es ihm nichts ausmachen würde, auch in Hannover an Häuserwände oder in Hauseingänge zu pinkeln. Ja, es gibt eben auch in Hannover kleine Pisser.

Sogar da.

Ja, ich sage ja, die Entwicklung hier im Wendland ist so, dass man ohne Zäune und Mauern nicht mehr auskommt. Man muss tatsächlich überall Zäune und Mauern ziehen, die Menschen sind einfach unverschämt geworden. Unverschämt – ohne Schamgefühl. Schamlos. Die alten ungeschriebenen Gesetze sind den Menschen unbekannt.

Männer pinkeln hier sowieso dauernd hin, aufgrund ihrer anatomischen Ausstattung sind sie ja auch den Frauen überlegen, was die Schnelligkeit betrifft. Mal eben den Reißverschluss runter, und schon kann’s losgehen. Ich spreche pinkelnde Männer inzwischen direkt an und bitte sie, doch wenigstens ein paar Schritte weiterzugehen, in den Birkenwald, und nicht immer direkt an den Randstreifen neben mein Grundstück zu pinkeln. Der Randstreifen ist ja schon richtig verseucht. Da wächst schon nichts mehr. Aber die Männer sind einfach nur bequem. Mal eben das Auto anhalten, rausspringen und lospinkeln.

Einmal habe ich einen der pinkelnden Männer angesprochen, ob er nicht einige Meter weiter gehen könne. Er setzte seinen Pinkelvorgang fort und sagte: „Sagen Sie das mal Ihrem Hund!“ Er meinte wahrscheinlich, dass ein Hund ja auch überall hinpinkelt. Erstens habe ich keinen Hund, und zweitens fand ich den Vergleich für den Mann selbst diskriminierend. Er setzte sich selbst mit einem Hund gleich. Zwischen einem Hund und einem Mann sollte doch wohl ein Unterschied bestehen, oder? Außerdem laufen dort gar keine Hunde herum. Ein Mann, ein gestandener richtiger Mann sollte seine Blase kontrollieren und bis zur nächsten Toilette warten können.

Wir haben hier nämlich Toiletten. Das Wendland wird zwar oft als „wilder Osten Niedersachsens“ bezeichnet, aber so wild sind wir hier nun auch wieder nicht. Auch bei uns gibt es Wasserklosetts, und zwar in jedem Haushalt. Schon lange. Die Plumpsklos sind abgeschafft. Außer in jedem Haushalt gibt es auch an jeder Tankstelle eine Toilette. Außerdem gibt es öffentliche Toiletten. In Lüchow zum Beispiel alleine drei: am Busbahnhof gegenüber dem Rathaus, in der Dr.-Lindemann-Straße und am Amtsturm. Überall dort kann man auch parken.

Einfach an einer Bushaltestelle am Rand eines Dorfes mit Bewohnern zu pinkeln ist also nur reine Bequemlichkeit und absolute Rücksichtslosigkeit. Schamlosigkeit. Hättet ihr das gern, wenn an eurem Dorfrand oder Stadtviertel ständig Leute pinkeln und kacken?

Neulich hielt – wieder mal – ein bestimmtes Auto an der Bushaltestelle, der Fahrer stieg aus und pinkelte direkt auf die Straße, auf den Asphalt. Diesen Fahrer kenne ich schon, er pinkelt öfter mal dorthin. Die Pisse lief so richtig schön quer über die Straße bis zum Radweg, wo dann die Radfahrer ihre Reifen drin tränken können.

Vor zwei Jahren oder so kam ein Trecker mit Anhänger an die Bushaltestelle. Auf dem Anhänger saßen mehrere junge Leute, die anscheinend eine Menge Bier intus hatten. Wie selbstverständlich sprangen sie vom Anhänger und liefen auf mein Grundstück, um zu pinkeln, Männer wie Frauen. Empört verwehrte ich mich gegen ihre Absicht. In letzter Sekunde machen sie kehrt und nutzten die Bäume am Straßenrand. Ich musste mich dann beim Weiterfahren von ihnen noch beschimpfen lassen.

Venedig

In Venedig haben sich Bürgergesellschaften gegründet, die gegen das Wildpinkeln von Touristen und die Vermüllung ihrer einzigartigen Stadt vorgehen. Sie veröffentlichen von Wildkameras aufgenommene Fotos von Wildpinklern im Internet und haben ähnlich wie in Bremen einen Ordnungsdienst organisiert, der durch die Stadt geht und Touristen auf die öffentlich aushängenden Verhaltensregeln aufmerksam macht. Vor einigen Wochen gab es eine Dokumentation über diese Bürgergesellschaften in Venedig, die ihre Stadt vor der Schamlosigkeit fremder Menschen schützen wollen, bei ARTE.

Im Wendland allerdings scheint es für viele Menschen normal zu sein, an Straßenrändern, in Wäldern ihren Müll und ihre Exkremente zu hinterlassen. Glaubt mir, es ist nicht normal! Es ist ekelhaft – unhygienisch – abstoßend – rücksichtslos – asozial!!!

Pinkelt und kackt doch bei euch in den Vorgarten, ihr Touris, LKW-Fahrer, Autofahrer, Fahrradfahrer, Durchfahrer. Und schmeißt euren Müll bei euch in den Garten.

Verdammt!!

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