Vörgodendeelsdag in Schnega: Erntefest auf traditionelle Art

21. Juli 2019.

Gestern am Sonnabend war ich in Schnega in der Swinmark, einer Region im Südwesten des Wendlands. Um 14:00 Uhr sollte ein Festumzug zu Ehren des Erntefestes beginnen.

Das Erntefest wird in Schnega zum 43. Mal gefeiert und hat den Namen „Vörgodendeelsdag“ – ein Tag für eine gute Ernte. An mehreren Orten im Wendland werden Erntefeste gefeiert – auf unterschiedliche Weisen. In Schnega wird ein ganz traditionelles Erntefest begangen: es wird nämlich am Tag des Erntefestes wirklich Getreide geerntet, und zwar auf historische bzw. altertümliche Art mit der Sense. Die beteiligten Erntehelfer*innen in historischen Trachten binden die Getreidegarben mit der Hand. Anschließend werden die Garben zusammengestellt und mit alten Leiterwagen in die Scheune gefahren. Die Leiterwagen werden je von einem Pferde- und einem Kuhgespann gezogen.

Das Erntefest wird eben mit dem erwähnten Umzug eingeleitet und durch einen Festplatz mit kunsthandwerklichen Angeboten sowie gastronomischer Versorgung und einem bunten Rahmenprogramm ergänzt.

Organisiert wird das Erntefest von der „Arbeitsgemeinschaft historische Erntefestgruppe Vörgodendeelsgad Schnega“, die aus der Landjugendgruppe Schnega/Clenze, dem Landwirtschaftlichen Verein Schnega/Bergen, dem Landfrauenverein Schnega und dem Fremdenverkehrsverein Swinmark besteht.

Ich bin schon um ungefähr 13:00 Uhr in Schnega, stelle mein Auto im scheinbaren Zentrum vor der Gaststätte ab und bin erstmal nicht sicher, ob ich hier richtig bin. Denn es ist fast niemand zu sehen.

Aber dann – es ist so um Viertel nach eins – nimmt am Marktplatz vor der großen Kirche auf einer Bank der erste Musiker Platz. Auf Nachfrage bestätigt er mir, dass ich – dass wir – hier richtig sind. Er spielt die Tuba, ein riesiges und schweres Instrument aus glänzendem Messing.

Dieser Herr, der die große Tuba bläst, war der erste am Sammelplatz.

Ich frage ihn, wieviele Musikerkollegen er noch erwartet, und er sagt, so etwa sechs bis sieben könnten’s wohl sein. Ich lache, denn er muss doch wohl wissen, wieviele Mitglieder seine Band hat, sie müssen doch geprobt haben. „Nein“, sagt er, „geprobt haben wir nicht. Das muss so gehen!“ Bald trifft der nächste Musikerkollege ein, er spielt das Tenorhorn. Er begrüßt mich freundlich mit Händedruck und setzt sich zu seinem Kollegen.

Als nächstes trifft ein Ehepaar ein, beim Mann baumelt eine Fotokamera über der Brust. Sie kommen aus Brandenburg, aus einer kleinen Stadt nahe Berlin. Sie haben hier im Wendland Urlaub gemacht, in der Nähe von Schnackenburg, und waren gestern schon beim Schützenfest in Schnackenburg. „Wir interessieren uns für alles Landwirtschaftliche und Ländliche“, sagt der Mann. Die Frau ergänzt: „Wir haben das in der Zeitung gelesen, dass hier heute ein Erntefest mit Vorführung traditioneller landwirtschaftlicher Arbeiten stattfindet, und das interessiert uns, deswegen sind wir heute gekommen!“.

Die Feuerwehr trifft mit einem Bully ein. Fünf oder sechs Feuerwehrleute stellen sich erstmal an die Straßenseite vor die Kirche. „Wenn bei uns was los ist“, sagt die Frau aus dem Brandenburgschen, „werden schon Stunden vorher die Straßen abgesperrt! Polizei ist da, Krankenwagen und so weiter. Und hier ist alles so entspannt!“ Der Feuerwehr-Bully fährt später hinter dem Festzug her und passt auf, dass nichts passiert.

Nun schreiten hohe Gäste auf uns zu: die Heidekönigin von Kirch-Westerweyhe nahe Uelzen in einem roten Samtumhang samt männlicher Begleitung sowie die Weinprinzessin Hitzacker im Wendland. Die Heidekönigin Ronja wirbt für das Heideblütenfest in Kirch-Westerweyhe vom 30.8. bis zum 1.9.2019. Die Weinprinzessin Hitzacker dagegen – Lina „Die Strahlende“ – möchte auf das Weinlesefest am Weinberg in Hitzacker aufmerksam machen, das am 13. Oktober 2019 zum 35. Mal stattfindet.

Heidekönigin Ronja aus Kirchweyhe-Westerweyhe samt männlicher Begleitung und Weinprinzessin Lina aus Hitzacker.

Weitere Hoheiten schweben heran: die Heideblütenkönigin Sarah aus Nemitz im Wendland, die zum Nemitzer Heideblütenfest am 25. August 2019 einlädt, sowie die amtierende Erntekönigin Schnega, Birgit, die ihr Amt noch bis um 17:00 Uhr am heutigen Erntefesttag ausübt – dann wird nämlich die neue Erntekönigin inthronisiert.

Die Nemitzer Heidekönigin (l.) und die amtierende Schnegaer Erntekönigin.

Kurz darauf erscheint die Heidekartoffelprinzessin Nadine aus Bad Bevensen. Bald wird sie zur Heidekartoffelkönigin gekrönt, nämlich am letzten Wochenende im September, wenn das „Gold der Heide“ – die Kartoffel – in Bad Bevensen mit dem Heidekartoffelfest gefeiert wird. Bis dahin residiert noch die aktuelle Heidekartoffelkönigin, die kurz darauf vorfährt.

Die Heide-Kartoffelprinzessin.

Nun stellen sich fast alle Hoheiten zusammen für ein Foto auf:

Weinprinzessin Hitzacker, Heidekönigin Nemitzer Heide, Heide-Kartoffelprinzessin Bad Bevensen, Heide-Kartoffelkönigin Bad Bevensen, Erntekönigin Schneega (von links nach rechts)

Nachdem auch die Musikergruppe mehr Mitglieder bekommen hat, erscheinen grüppchenweise Frauen in weißer Tracht und mit weißen Hauben auf dem Kopf. Das erinnert mich an meine Kindheit, denn ich habe noch auf dem Bauernhof meiner Großeltern diese alte Ernteweise erleben dürfen. Ältere Frauen haben damals noch diese weißen Hauben getragen. Sie sollen die Haare vor dem Staub, der beim Mähen entsteht, den Nacken vor Kleintieren wie Mücken, Käfer usw. und auch allgemein vor der Sonne schützen. Diese Frauen in weißer Tracht sind die „Binderinnen“, sie binden die Garben. Fast alle haben eine gelbe Plakette an der Bluse – eine Auszeichnung, denn diese Frauen waren auch einmal Erntekönigin in Schnega.

Das sind einige der Binderinnen. Sie binden die Garben zusammen.

Jugendliche in Tracht sind die „Aufsteller“, sie stellen die Garben zusammen.

Ich interessiere mich für die Hauben, und die Erntekönigin von 1982 zeigt mir ihre Haube, die ihre Mutter noch genäht hat.

Die Erntekönigin aus dem Jahr 1982 zeigt mir ihre Haube, die ihre Mutter noch genäht hat.
So wird die Haube gebunden.

Die schönste Haube trägt natürlich die amtierende Erntekönigin Birgit – mit einem Blütenkranz aus blauen Kornblumen:

Die amtierende Erntekönigin trägt eine besonders hübsche Haube.

Nun sind auch immer mehr Zuschauer*innen gekommen und stellen sich auf dem Bürgersteig vor der Kirche auf. Viele auswärtige Autokennzeichen wie Berlin, Lüneburg, Lübeck, Salzwedel oder Prignitzkreis deuten darauf hin, dass nicht nur Einheimische Interesse haben.

Ein Pferdefuhrwerk fährt um die Ecke: zwei Haflinger ziehen einen historischen Leiterwagen mit großen Holzrädern. Auf dem Leiterwagen ist Getreide drapiert, in der Mitte eine große Erntekrone.

Und dann kommt noch ein alter Wagen mit Gummirädern – ein „Gummiwagen“ -, der noch mehr Aufmerksamkeit erregt, denn er wird von einem Gespann von zwei Kühen mit prallen schaukelnden Eutern gezogen.

Nun ist inzwischen eine ordentliche Menge zusammengekommen: Erntehelfer, Musiker, Königinnen und Prinzessinnen, ein Bollerwagen mit einem Kleinkind darin, und dann kommt noch ein kleiner Leiterwagen, der von einem Gespann aus zwei Ziegen gezogen wird – im Leiterwagen der Nachwuchs: zwei bis drei winzige Zicklein.

Jetzt sagt eine Frau erst einmal an, in welcher Reihenfolge sich aufgestellt werden soll – Ordnung muss sein. Zuerst die Musiker, danach der Vorstand der Arbeitsgemeinschaft, dann die Königinnen, sodann die Bauern und so weiter.

Ansage: Reihenfolge im Umzug

U.a. diese Bauern werden mit der sogenannten Korbsense das Getreide schneiden:

Zwei historische Korbsenden – die gleich eingesetzt werden.

Und kurz darauf geht es los mit dem Umzug.

Ein kleiner Junge mit Fahrrad muss noch mal eben aus dem Weg fahren … dann kann es losgehen.

Und jetzt geht’s los – Abmarsch! Ein fröhlicher Zug.

Bei der eigentlichen Ernte und der Feier auf dem Festplatz konnte ich leider nicht dabei sein. Aber im nächsten Jahr ganz bestimmt! Ich fand es sehr schön, diesen Teil des Erntefests, den Umzug. So natürlich und fröhlich.

Und das nächste Erntefest im Wendland ist schon bald – nämlich am 28. Juli 2019 in Lübbow mit dem Namen „Dreschfest“. Auch dieses Erntefest ist historisch orientiert, wobei aber auch schon Maschinen zum Einsatz kommen.

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