Bolschen

Das Wendland hat heutzutage eine durchmischte Bevölkerung. Alteingesessene, deren Familien seit Jahrhunderten hier ansässig sind, viele aus Berlin Zugezogene, nach der Wende aus der angrenzenden Altmark Zugezogene, Hamburger, die hier Ferienhäuser haben, und Einwohner, deren Vorfahren aus fernen Ländern stammen – um nur einige Beispiele zu nennen. Die Alltagssprache ist hier Hochdeutsch, Plattdeutsch hört man hier gar nicht mehr, noch nicht einmal die alten Leute sprechen untereinander Platt.

Aber manchmal höre ich von den Alteingesessenen Ausdrücke, die es wohl speziell nur hier in der Region gibt. Ausdrücke, die ich in meiner Kindheit gehört habe – und die mich, wenn ich sie zufällig aufschnappe, an meine Kindheit erinnern.

So habe ich am letzten Wochenende auf einem Flohmarkt das Wort „Bolschen“ wiedergehört. Ein Mann sagte über eine Dose, die wäre gut zum Aufbewahren von Bolschen. „Bolschen“ bedeutet „Bonbons“. Ich weiß nicht, ob man in anderen Regionen Deutschlands auch das Wort „Bolschen“ für „Bonbons“ verwendet – aber ich habe dieses Wort nirgendwo sonst gehört, und ich habe in verschiedenen Regionen gewohnt, allerdings nur immer in Norddeutschland. Als ich das Wort hörte, sah ich sofort Situationen aus meiner Kindheit vor mir. Zum Beispiel wenn die Oma fragte: „Willst du einen Bolschen?“

Ein anderes Wort, das ich sonst nirgendwo gehört habe, ist „verschütt gehen“. Das bedeutet so ungefähr „verloren gehen“. „Das ist wohl verschütt gegangen“, bedeutet also etwa „das ist wohl verloren gegangen“ oder „das ist wohl untergegangen“.

Oder „nachsagen“: „Ich sag das nicht nach“ bedeutet hier etwa „ich erzähl das keinem“, „ich behalte das für mich“.

Ein anderer Ausdruck, den ich nur von hier kenne, ist „bölken“. Das bedeutet „schreien“, „laut reden“. „Bölk doch nicht so!“ ist also die Aufforderung, nicht so laut zu reden oder zu schreien. Der Ausdruck kommt aus der Landwirtschaft, denn „bölken“ tun Kühe oder Kälber.

Neulich hörte ich eine Mutter zu ihrem Kind sagen: „Musst du pullern?“ Das bedeutet „Musst du mal auf die Toilette?“.

„Herumpütschern“ heißt soviel wie „herumtrödeln“, „ mit Kleinkram nicht fertig werden“. „ Pütscher nicht so herum!“ ist also die Aufforderung, mit Kleinkram nicht so herumzutrödeln.

Dann hörte ich noch den Ausdruck „das Herz blutet“. „Gib ihm/ ihr etwas ab, sonst blutet sein/ ihr Herz!“ – Das wird gesagt, wenn jemand etwas zu essen hat oder eine Süßigkeit, und jemand anders steht daneben und hat nichts, muss zugucken.

Mir ist noch der Ausdruck „Mittagsbrot“ eingefallen. In früherer Zeit – vor Jahrhunderten – hat man wohl zu drei Tageszeiten tatsächlich Brot gegessen: morgens früh gab es das erste Stück Brot, woraus sich der Ausdruck „Frühstück“ ableitete. Abends gab es das „Abendbrot“. So wird es ja heute auch noch genannt.

Und mittags eben das „Mittagsbrot“. Und so haben wir früher gesagt: „Wir essen jetzt Mittagsbrot.“ Die Oma rief dann zum Beispiel: „Kommt mal rein – es gibt jetzt Mittagsbrot!“-Es gab dann aber nicht wirklich Brot, sondern eben warmes Mittagsessen.

Mir ist noch ein Ausdruck eingefallen: „schier“. Das sieht „schier“ aus bedeutet etwa: das sieht sauber/ordentlich aus.

Ja, so hat jede Region eigene Ausdrücke, und diese Ausdrücke gehören eben aus alter Zeit schon zum Wendland!

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