Eine Dampfmaschine von 1895: Gründerzeit-Relikt als technisches Kulturdenkmal in Lüchow

Lüchow, im November 2019.

Vor drei Wochen hatte ich das Glück, Herrn Günzel Schünemann am Mini-Museum für die Dampfmaschine von 1895 in Lüchow anzutreffen. Herr Schünemann kommt jede Woche extra aus Wolfsburg nach Lüchow und kümmert sich um die Dampfmaschine, die von einem losen Freundeskeis von Technikfreaks vor der Verschrottung gerettet wurde.

Die Dampfmaschine ist eine der wichtigsten technischen Errungenschaften in der industriellen Gründerzeit am Ende des 19. Jahrhunderts. In der kleinen Stadt Wustrow, ca. vier Kilometer von der Kreisstadt Lüchow entfernt, blühte im 19. Jahrhundert der Anbau von Flachs und damit zusammenhängend die Produktion von Leinen. Zunächst wurde Leinen in Heimwerkstätten gewebt, bis eine damals moderne Fabrik gebaut wurde, die mechanische Webstühle aus England hatte. Die Webstühle wurden durch eine Dampfmaschine angetrieben, die aus der Eisengießerei K. & Th. Möller aus Brackwede in Westfalen stammte.

Nachdem die Dampfmaschine 1924 generalüberholt und modernisiert wurde, fand sie Einsatz in einem Säge- und Hobelwerk in Lüchow, bis sie dort 1980 stillgelegt wurde. Der Ortsverband des Vereins Deutscher Ingenieure begann sich für den Erhalt der Dampfmaschine zu interessieren. Ein Gutachten wurde eingeholt, das die Dampfmaschine als „wissenschaftlich bedeutsam“ und als „technisches Kulturdenkmal“ charakterisierte.

Nun suchte man jahrelang nach einem geeigneten Standort, wobei verschiedene Standorte in Betracht gezogen wurden.

Schließlich erklärte sich der Inhaber des Gartenbaubetriebs „Der Grüne Betrieb“, Jens Lachmann, bereit, einen Teil seines Betriebsgrundstücks abzugeben und als Standort der Dampfmaschine zur Verfügung zu stellen.

Ein loser Freundeskreis begann ehrenamtlich mit Arbeiten zu einem die Maschine umgebenden Fachwerkhaus, damit ein Verfall der gut erhaltenen – und noch funktionstüchtigen – Maschine aufgehalten werde.

Die örtliche VR Plus Bank half bei der Finanzierung des Materialverbrauchs, aber fast alle Arbeiten wurden ehrenamtlich in der Freizeit der Technikfreaks ausgeführt: ein Fachwerk aus Eichenbalken wurde errichtet, ausgemauert, verputzt und mit den Original-Rundfenstern aus der Sägerei, in der die Maschine so lange ihren Dienst tat, versehen.

Nach monatelangen Arbeiten ist das kleine Museum nun fast fertiggestellt und auch inzwischen eingeweiht worden. Am Rand der Loger Landstraße in Lüchow kann die Dampfmaschine besichtigt werden. Kleinere Arbeiten sind noch zu erledigen, und genau dafür ist Herr Günzel Schünemann da. Denn Herr Schünemann ist mit seinem Alter von über achtzig der Einzige aus dem Freundeskreis, der die Technik der Maschine kennt und versteht und der deshalb weiß, wie man sie zusammensetzen musste und wie man sie pflegt und in Gang setzt. Bis vor Kurzem hatte Herr Schünemann auf seinem Grundstück in Wolfsburg sogar noch zwei Dampftraktoren stehen, aber von denen hat er sich getrennt.

Geduldig führte mich Herr Schünemann um die Dampfmaschine herum, erklärte mir die Details und die Funktionsweise.

Ich zeige hier einige Fotos:

Das kleine Dampfmaschinen-Museum von vorne:

Das Schild ist das Original-Firmenschild von der Sägerei und Hobelei Erwin Müller, wo die Dampfmaschine von 1924 bis 1980 eingesetzt war.

Das Dampfmaschinen-Museum von hinten:

So sieht man die Dampfmaschine, wenn man das Museum vom Hintereingang aus betritt.

Auf dem folgenden Foto sieht man gut das große Schwungrad, das nötig ist, um die Dampfmaschine über den „toten Punkt“ zu bringen – so erklärte Herr Schünemann mir das. Man sieht auch den Flaschenzug mit der Kette.

Und hier sieht man die eigentliche Dampfmaschine mit den Antriebskolben:

Die Dampfmaschine von vorn mit der Prägung „K. & Th. Möller GmbH Brackwede 1924“ – im Jahr 1924 wurde die Maschine von der Erbauerfirma Möller überholt und modernisiert.

Das folgende Bild zeigt die Wasserpumpe:

Die Original-Rundbogenfenster aus Eisen der Firma Erwin Müller, dem Sägewerk, in dem die Maschine zuletzt eingesetzt worden war:

Auch das Absperrgitter im schönsten Jugendstil stammt aus der Sägerei Müller:

Hier noch mal der Flaschenzug, der schwere Teile heben musste:

Ein Baumrumpf seitlich des Museums soll auf Schildern alle Namen von Sponsoren aufführen (hier erstmal nur das erste):

Ein Richtungsschild an der Seite weist Besucher*innen auf den richtigen, hinteren Eingang hin:

An zwei Seiten des kleinen Museums sind Gitter statt richtiger Fenster angebracht. Herr Schünemann machte sich Sorgen wegen des dann entstehenden möglichen Rostes an der Dampfmaschine.

Vielleicht findet sich ja noch ein Sponsor für richtige Fenster aus Glas, um Kondensation und folgenden möglichen Rost zu unterbinden …

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