Müllmigration

Neulich auf der Mülldeponie: Ein schon etwas angeschlagener älterer weißer Transporter mit bulgarischem Kennzeichen, das im Unterschied zum Wagen wie neu aussieht, fährt direkt vor den Container mit dem Elektroschrott.

Behende springen drei Frauen und ein Mann aus dem Fahrzeug und greifen sich mit flinken Händen herumstehende Flachbildfernseher, Staubsauger und eine gerade zwei Minuten vorher abgegebene Bohrmaschine und laden sie in den leeren Transporter. Eine der Frauen springt direkt in den Container, der nur zu etwa einem Drittel gefüllt ist. Im hinteren Gewirr von Kabeln, Kleinteilen, Lampen, Computer- und Unterhaltungselektronikteilen zieht sie offenbar kenntnisreich dieses und jenes heraus und lädt es in den Transporter. Eine andere Frau geht an die Seite des Containers und kehrt mit einer reichlich angejahrten Kreissäge zurück. Allmählich füllt sich der Transporter.

Etwas irritiert darüber, dass der Transporter gar nicht dazu dient, Elektroschrott abzuladen, sondern aufzuladen, schaue ich zu, bis mir klar wird, wovon ich gerade Zeugin werde:

Offenbar handelt es sich um Mitglieder einer (Groß-)Familie, die von der Auswertung von Elektroschrott lebt. Wahrscheinlich wird zu Hause erst einmal überprüft, welche Elektrogeräte evtl. noch funktionstüchtig oder reparabel sind, und dann werden die Geräte ausgeschlachtet.

Ich beobachte das hier in Bremen, wenn Sperrmülltermine sind: Dann liegen Elektrogeräte auseinandergenommen am Straßenrand. Kabel sind abgeschnitten, Innenteile, die Cobalt oder Lithium oder evtl. sogar Gold enthalten, rausgenommen worden. Metallteile wurden mitgenommen, weil Schrotthändler für Metall Geld bezahlen. Der Rest der Elektrogeräte bleibt für das Sperrmüllauto der Entsorgungsbetriebe liegen. Bei den Kabeln wird zu Hause der Kunststoffmantel entfernt und das Kupferkabel als Kern entnommen. Kupfer ist ein wertvoller Rohstoff und kann bei Schrott- und Metallhändlern wieder in Geld umgetauscht werden.

Diese bulgarische Familie auf der Mülldeponie hatte somit Glück: statt mühsam die Sperrmülltouren abzufahren und einzelne Geräte aufzusammeln, konnte sie auf der Mülldeponie gleich en gros Elektroschrott einladen.

Der Landkreis handelt somit sozial, indem er dieser Familie einen Einkommensbeitrag ermöglicht. Und gleichzeitig den Müllberg verringert, den der Landkreis sonst kostenintensiv abarbeiten müsste. Wie ich heute gelesen habe, gibt es inzwischen einen sogenannten i-Phone-Index, um den Lebensstandard verschiedener Länder vergleichen zu können. Danach könnte ein Deutscher mit Durchschnittseinkommen sich vier neue i-Phones pro Monat leisten, ein Bulgare mit Durchschnittseinkommen nur ein i-Phone.

Bei uns in Bremen und umzu ist es verboten, auf Deponien abgegebenen Elektroschrott mitzunehmen oder in Container zu steigen. Aber warum? Elektroschrott wird massenweise nach Afrika verschifft und landet dort auf unkontrollierten Mülldeponien, wo dann das Gleiche passiert wie mit Elektroschrott hier, wie oben beschrieben: nämlich er wird ausgeweidet. Warum sollte man es Familien, die mit dem Auswerten von Elektroschrott ein Einkommen erzielen, nicht schon hier erlauben? Die Elektromüllberge würden kleiner, die Entsorgungskosten und damit die Gebühren für die Bürger*innen geringer. Und man müsste den Müll nicht klimaschädlich über die Weltmeere schippern.

Allerdings habe ich jetzt gerade gelesen, dass oft auch Elektroschrott von Wertstoffhöfen in ganz Deutschland illegal mitgenommen wird, um ihn dann an „Großhändler“ weiterzuverkaufen, die den Elektroschrott dann – ebenfalls illegal – nach Afrika verkaufen, wo riesige Müllkippen entstehen, auf denen Kinder und Erwachsene nach Brauchbarem kramen und dort giftigen Substanzen ausgesetzt sind. Es gibt also richtige „Handelsketten“ mit Elektroschrott.

Deshalb ist es grundsätzlich verboten, Elektroschrott außerhalb offiziell zuständiger Stellen – also den Wertstoffhöfen – zu zerlegen. Wegen möglicherweise enthaltener giftiger Substanzen, die Umwelt und menschliche Gesundheit schädigen können. Wie zum Beispiel Quecksilber.

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