Die Henne oder das Ei

21. November 2019.

Bis vor wenigen Jahren – oder muss man jetzt schon sagen: bis vor wenigen Jahrzehnten? – gab es in vielen größeren Dörfern auf dem Lande Gasthäuser, in die Einheimische und Touristen einkehren konnten, um dort Spargel mit Schinken oder Ente mit Rotkohl oder Erdbeerkuchen mit Sahne – je nach Jahreszeit – verzehren zu können. Eben etwas, für das man sich zu Hause nicht so leicht Zeit nahm. Aus meiner Sicht waren diese Landgasthäuser beliebt und stellten oft für Fahrradtouren oder Tagesfahrten mit dem Auto am Wochenende ein richtiges Ausflugsziel dar.

Nur wenige dieser Landgasthäuser konnten sich am Leben erhalten. Immer mehr mussten schließen, weil die Gäste ausblieben – oder jedenfalls die angemessene Gästeschar, damit es sich noch lohnte, Personal zu beschäftigen und gerade an den Zeiten offen zu haben, zu denen der Großteil der Bevölkerung frei hatte, nämlich an den Wochenenden und in den Ferienzeiten und an Feiertagen. Nicht nur Landgasthäuser mit warmer Küche, auch Cafés, an denen man Rast machen und leckeren Kuchen essen konnte, sind rar geworden.

Im letzten Jahr fuhr ich an einem Feiertag im Oktober morgens von Bremen los in Richtung Wendland. Ich hatte vor, im Wendland angekommen erst einmal ein schönes Frühstück in einem Café nahe Dannenberg einzunehmen. In diesem Café hatte ich schon häufig gefrühstückt. Tatsächlich war es auch geöffnet, und ich bestellte am Tresen das gewohnte Frühstücksangebot. „Gibt’s heute nicht!“ antwortete lapidar die junge Bedienungskraft. Es war ungefähr 10:00 Uhr, und ich fragte nach dem Grund. „Wir sind heute nur zu zweit!“ kam ebenso lapidar die Antwort. Das sollte also wohl bedeuten, dass die beiden Servicekräfte es zu zweit nicht schaffen würden, die Kunden zu bedienen. Dabei sah es im Café noch gar nicht voll besetzt aus.

„Macht nichts“, dachte ich bei mir, „dann fahr ich eben in die Innenstadt von Dannenberg und frühstücke dort.“ In der Innenstadt von Dannenberg hatte allerdings kein Café geöffnet. „Na gut“, dachte ich, „dann gibt’s eben in Lüchow ein Frühstück“, und fuhr die 18 Kilometer weiter nach Lüchow. Das Café, das ich schon häufig aufgesucht hatte, hatte allerdings geschlossen – wie sich später herausstellte, „für immer“. Ein anderes Café in der Hauptgeschäftsstraße hat sowieso immer an Sonn- und Feiertagen geschlossen. Also gerade an den Tagen, wo die Leute gerne mal ausgehen würden. War also nichts mit gemütlichem Frühstück im Café.

Früher existierte im Zentrum von Lüchow so ein richtig schönes alteingesessenes, altmodisches Café mit vielfältigem Kuchenangebot. Man konnte im ersten Stock sitzen und von dort auf die Hauptgeschäftsstraße gucken. Leider ist es zu meinem Leidwesen vor wenigen Jahren erst aufgegeben worden. Der Nachfolger hat den ersten Stock ganz geschlossen und im Erdgeschoss stehen unbequeme Bänke mit kleinen Tischen davor. Von Gemütlichkeit keine Spur. Schade, dass die alten Möbel entfernt wurden. So ist auch ein Stück Tradition mit verschwunden.

Was Gastronomie betrifft, ist das Wendland etwas im Hintertreffen. Wenn mehr Touristen in die Region kommen sollen, erwarten diese auch unterwegs irgendwo eine Rastmöglichkeit, und wenn es nur ein Imbiss oder ein Kiosk mit Sitzgelegenheit ist. Man kann im Wendland viele viele Kilometer weit fahren, ohne irgendwo eine Möglichkeit zu finden, wenigstens eine Flasche Erfrischungsgetränk oder ein Eis zu kaufen. Das Wendland wirkt insofern an vielen Stellen wenig „gastfreundlich“. An vielen Stellen – nicht überall. Denn in einigen größeren Dörfern gibt es ja noch Gasthäuser. Zum Beispiel die „Trebeler Bauernstuben“ in Trebel, „Wendenknüppel“ in Woltersdorf oder Gasthof Schulz in Groß Heide.

Es würde schon einmal eine Linderung bedeuten, wenn es in jedem Ort – oder jedem zweiten – wenigstens einen Kiosk oder ein Privathaus geben würde, in dem der Inhaber kalte Getränke oder Süßigkeiten oder Eis am Stiel vorhält. Diese Häuser könnte man kreisweit mit einem einheitlichen gut identifizierbaren Logo ausstatten.

Noch besser wäre es, wenn die Bundes- und Landstraßen mit einem Netz von kleinen Häuschen überzogen werden würden, in denen Radfahrer oder Autotouristen oder Wanderer Erfrischungsgetränke vorfinden und kleine Snacks. Es könnte sich um diese Tiny Houses handeln, die ja auch hier im Wendland gebaut oder mindestens geplant werden. Einwohner*innen der nächstgelegenen Ortschaft würden diese Rasthäuschen betreuen und in ihnen eben Snacks und Getränke verkaufen. Man könnte dazu eine Art Verein gründen, der das Interesse hat, den Tourismus im Kreis zu fördern. Das Prinzip wäre dann so ähnlich wie bei der Feuerwehr: man ist Mitglied, weil es ja auch bei einem selbst mal brennen kann, und dann ist die Feuerwehr eben sehr nützlich. Mehr Touristen in den Landkreis zu holen, wäre eben auch sehr nützlich. Und Einheimische freuen sich doch sicherlich auch. An diesen Häuschen könnten SoLaWis oder allgemein Landwirte/Gärtner auch ihre Produkte anbieten bzw. abholen lassen.

Inzwischen gibt es ein neues Café in Lüchow, das auch an Sonn- und Feiertagen geöffnet hat. Ich meine damit solche Cafés, die eben das übliche Angebot haben wie Brötchen, Kuchen, Frühstücksangebote.

Ich habe es auch schon mehrmals erlebt, dass an Sonntagen um vier Uhr nachmittags kein Kuchen mehr im Tresen war oder nur noch zwei, drei Stücke, während die Schlange vorm Tresen immer länger wurde. Auf dem Parkplatz Autokennzeichen, die auf auswärtige Besucher schließen ließen. Die Frage ist, ob die noch einmal kommen würden.

Und da stellt sich die nächste Frage: was war zuerst – die Henne oder das Ei? Bleiben Touristen weg, weil sie auf wenig gastronomische Angebote treffen, oder gibt es zu wenig gastronomische Angebote, weil zu wenig Touristen in den Landkreis kommen? Natürlich sind Touristen nicht nur an der Gastronomie interessiert, aber Essen und Trinken sind eben ein wichtiger Aspekt.

Wenn man mal nur die Metropolregion Hamburg nimmt, zu der das Wendland ja auch gehört: fahren Touristen beim Kurzurlaub oder Wochenendausflug lieber ins Alte Land oder an die Nordsee oder ins Wendland? Oder Richtung Schleswig-Holstein?

Um Bremen herum und zum Beispiel auch in der Region um Rotenburg/Wümme herum gibt es auf dem Lande sogenannte „Melk Hüser“ – Milchhäuser up platt. Das sind Holzhäuser, alle grün gestrichen, an denen Rad- und Autofahrer und natürlich auch Wanderer Rast machen und zum Beispiel mal ein Glas Milch trinken können. Kuchen oder Eis gibt es da auch. Und der Standort dieser Melk Hüser ist auf den touristischen Karten vermerkt, Touristen können sie also direkt ansteuern und müssen nicht per Zufall auf sie treffen.

Ich glaube schon, dass die Einrichtung solcher kleinen Raststationen an Bundes- und Landstraßen im Wendland mit einheitlicher Gestaltung und mit einem einheitlichen, verlässlichen Angebot Touristen gefallen könnten. Und den Einheimischen auch. So wäre das Wendland um ein gastronomisches Angebot reicher und damit attraktiver. Und die Dörfer etwas belebter.

Ich finde außerdem, dass der Ausbau gastronomischer Angebote in strukturschwachen Regionen wie dem Wendland nicht nur privaten Initiativen überlassen werden dürfte, da das Risiko für Private zu groß wäre – wie oben erklärt: zu wenig Gäste, um wirtschaftlich arbeiten oder gar mit Gewinn arbeiten zu können. Es sollte eine staatliche Aufgabe sein, finanziert oder wenigstens teilfinanziert durch Steuer- oder Gebühreneinnahmen. Ebenso wie der Straßenausbau oder die Straßenreinigung oder die Müllabfuhr staatlichen bzw. gemeindlichen Einrichtungen übertragen sind, sollte der Ausbau touristischer Infrastruktur eine Aufgabe nicht allein Privater sein, sondern eine gemeinschaftliche Aufgabe. Finanziert zum Beispiel durch etwas Ähnliches wie der Soli für die ostdeutschen Bundesländer. Ein Soli für den Ausbau touristischer Strukturen, um Arbeitsplätze anbieten zu können.

Und wenn die Henne erst einmal da ist, kommt auch das Ei. Oder ist es das Ei, das zuerst da sein muss?

8 Kommentare

  1. Moin Karin,
    um deinem Artikle ein like zu geben, musste ich mich mit Passwort anmelden, weil sich bei mir was verändert hat. Aber egal…
    Da hast du ja mal richtig zugeschlagen und die rückläufige Entwicklung der Gasthäuser sehr umfassend beschrieben. Bei uns im Ammerland gibt es auch viel weniger Gasthöfe (wie man die nannte), in denen die Leute sich allabendlich nach Feierabend an der Theke zu einem Bier trafen. Das war voll gemütlich, und es wurde viel geredet u.s.w….
    Heute sitzen diese Leute überwiegend vor der Glotze, um nichts zu verpassen.
    Aufgrund des Radverkehrs haben sich hier inzwischen aber viele alternative Häuser, wie zB Bauernhof-Cafes und Melkhüser etabliert, die auch von Touris aufgesucht werden und für kleine Feiern gebucht werden.
    Fazit: Die alten Kneipen haben hier fast alle dicht gemacht, aber es gibt inzwischen reichlich Alternativen.
    Schönes Wochenende!
    Jürgen aus Loy

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    • Danke Jürgen. Was hat sich denn bei dir „verändert“? – Ich finde diese Alternativen ja auch gut, deshalb habe ich die ja vorgeschlagen – im Wendland gibt es sowas noch kaum. Im Moment sitze ich übrigens in Oldenburg auf dem Flohmarkt…

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      • Bei mir persönlich ist alles gleich geblieben.
        Ich gucke heute wieder Werder auf Leinwand mit Hauke aus Bremen und zwei oder drei weiteren Fußballfans.
        Das muss ich auch immer pünktlich den Tee fertig haben und das Bier auf Zimmertemperatur bringen (ich trink das nur sehr kalt am liebsten). Letztlich sind wir hier auch sowas ähnliches wie `ne Gastwirtschaft.
        Natürlich bist du auch herzlich eingeladen, mich mal zu besuchen. Am besten eben durchklingeln.
        Wünsch dir was!
        Jürgen aus Loy
        P.S. Ich war lange nicht mehr auf`m Flohmarkt. In Rastede gibt`s öfter auch einen interessanten.

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  2. Good morning Mrs. K.,
    ich fass es nicht…in WST hab ich früher mal gewohnt. Ist die Kreisstadt des Ammerlandes, doch seit vielen Jahren einsam und verlassen. Die wahre `Hauptstadt´ des Ammerlandes ist der Residenzort Rastede – das Beverly Hills von Oldenburg.
    Und Loy – das Beverly Hills von Rastede – gehört zur Gemeinde Rastede (ca. 5 km entfernt).
    Soweit zur Heimatkunde 🙂 …
    Schönen gemütlichen Sonntag!
    Jürgen aus Loy

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    • Guten Morgen, Jürgen. Ja- Westerstede fand ich auch einsam und verlassen – der Flohmarkt war eine Enttäuschung … Vom Flohmarkt in Rastede habe ich auch schon gehört- im nächsten Sommer komme ich mal hin…Jetzt sind ja erstmal Weihnachtsmärkte und unser hier in Bremen wird gerade aufgebaut. Auf dem Weg zu meinem Lieblingscafé, wo ich frühstücken will, schaue ich dort mal vorbei. Dir wünsche ich auch einen schönen Sonntag! Grüße – Karin

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      • Liebe Karin,
        ich habe auch eine Antwort bzw. Lesebestätigung meiner email erwartet, aber entweder werden die gar nicht nicht mehr benutzt oder einfach so ignoriert, wobei letzteres nicht meinen Umgangsformen entspricht.
        Hab auch telefonisch noch nachgelegt.
        Schönen Wochenanfang!
        Jürgen aus Loy

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