Innovative Ideen im Alten Postamt: Designbüro „destinature“ von WERKHAUS in Lüchow

Lüchow, 31. Juli 2018.
Seit 25 Jahren produzieren Holger und Eva Danneberg mit ihren Mitarbeiter*innen in ihrer Firma „WERKHAUS“ Möbel, Büro- und Wohnaccessoires und weitere nützliche Gegenstände im Stecksystem. Die Teile werden nach dem Entwurf und der Planung am Computer mit einer CNC-Fräsmaschine oder einem Laser produziert, verpackt und zum Verkauf angeboten. Die Kunden können sich die Möbel dann selbst zusammenstecken. Fixiert werden die gesteckten Teile – und das ist das Besondere an den WERKHAUS-Artikeln – nicht mit Kleber oder Schrauben, sondern lediglich durch Gummiringe.

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Ein Ausschnitt aus einem Steckmöbel im Großformat: das Schwarze an den Steckverbindungen sind Spannringe aus starkem Gummi.

Parallel zu diesem Angebot fertigt WERKHAUS auch Warenaufsteller und Präsentationsmöbel für Kunden und Messen. Aufgrund des großen Erfolgs wuchs die Firma stetig und beschäftigt inzwischen rund 170 Mitarbeiter*innen.

Die Firma WERKHAUS fokussierte sich zunächst auf Büroaccessoires wie zum Beispiel die bekannte Stiftebox, die einem VW-Bus nachempfunden ist, Sitzhocker oder später auch Pflanzgefäße.

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Ein Beispiel für die transportablen Steckmöbel von WERKHAUS: stapelbare Hocker, nützlich zum Beispiel bei Warteschlangen vor Konzertkassen oder bei Partys, beim Camping, für Outdoor-Unterricht von Schulklassen … (das Foto entstammt dem Katalog von WERKHAUS)

Im Laufe der Zeit jedoch nahm die Idee, größere Möbelstücke wie Schränke, Schreibtische oder Sitzbänke nach dem gleichen Steckprinzip herzustellen, immer mehr Form an.

Für das Design und die Entwicklung neuer und größerer Produkte, mit Fokus auf den Außenbereich, wurde 2014 eine neue Abteilung gegründet, die den Namen „destinature“ bekam: destination plus nature, also Ziel: Natur. Der Name ist bezeichnend für die Zielsetzung, nämlich nachhaltige und ökologisch sinnvolle Produkte zu entwerfen. Inzwischen arbeiten sechs Designer*innen bei destinature. Eine Designerin ist im Wendland gebürtig, die anderen Fünf sind Neuwendländer. Ich sprach am vergangenen Freitag mit Jirka Wolff, der seinen Master an der Hochschule für Künste in Bremen machte.

2017 erwarben Eva und Holger Danneberg das Gebäude des Alten Postamts in Lüchow an der Salzwedeler Straße.

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Das Gebäude des Alten Postamts in Lüchow an der Salzwedeler Straße.

Das destinature-Büro befindet sich in einem Anbau im Erdgeschoss mit Zugang zur Straße.

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Rechts neben dem Alten Postamt in einem Anbau: das Büro von „destinature“.

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Das Firmenschild.

Andere Räumlichkeiten im Gebäudekomplex sind an Einrichtungen des Landkreises Lüchow-Dannenberg vermietet, wie die Klimaschutzleitstelle, die Fachkräfteagentur Wendlandleben oder die Wirtschaftsförderung.

Im Erdgeschoss befindet sich auch das „PostLab“, das ist ein Co-Working-Space der Grünen Werkstatt Wendland, das an Einzelpersonen, aber auch an Projektgruppen Arbeitsplätze vermietet. WERKHAUS ist Mitglied der Grünen Werkstatt Wendland, einer Kreativschmiede, die unter anderem Design-Workshops in Zusammenarbeit mit verschiedenen Hochschulen veranstaltet. Bei einem dieser Design-Workshops in Kukate nahm auch Jirka Wolff während seines Studiums teil, und so entstand der Kontakt zu WERKHAUS.

Jirka Wolff  und seine fünf Kolleg*innen  Britta Lüpke, Michelle Mohr, Rieke Maasch, Jonathan Markus und Florian Wöste arbeiten unter anderem mit einer CAD-Software, mit der erste Prototypen und die Fräsdaten am Rechner erstellt und anschließend im Hauptwerk in Bad Bodenteich gefräst werden. Manchmal werden Prototypen auch von Hand mit der Stichsäge angefertigt oder Pappmodelle erstellt. Auf dem Parkplatz hinter dem Postamt gibt es ein Versuchsgelände, auf dem die Prototypen getestet werden. Sind die Muster auf Funktionalität überprüft und verbessert worden, werden sie zur Produktion freigegeben, gefräst und anschließend als Bausatz flach verpackt in den Verkauf gegeben.

Für Artikel, die im Freien genutzt werden sollen und der Witterung ausgesetzt sind – zum Beispiel Gartenbänke oder Pflanzgefäße – werden Massivholzplatten aus Douglasie oder wasserfest verleimtes Sperrholz verwendet, für Wohnartikel im Innenbereich hingegen Fichte. Das Holz stammt aus nachhaltiger Forstwirtschaft vorzugsweise aus Deutschland. Das Sperrholz wird aus Finnland bezogen.

WERKHAUS besitzt mehrere Ladengeschäfte in verschiedenen Großstädten, darunter Hamburg, Berlin und Hannover, vertreibt die eigenen Produkte aber auch online.

Das Stecksystem ist markenrechtlich geschützt, um Nachahmungen vorzubeugen. Im Jahr 2017 wollte ein Discounter Stifteboxen anbieten, die Nachahmungen der von Eva und Holger Danneberg entworfenen Artikel waren, woraufhin über eine Unterlassungsklage die Produkte wieder aus dem Angebot entfernt werden mussten.

Die Aufgaben der Mitarbeiter*innen bei destinature bestehen nicht nur darin, neue Produkte zu entwickeln, sondern auch, Projekte mit verschiedenen Partnern zu verwirklichen.

Momentan entwickelt das Team zusammen mit der Firma „Goldeimer“ eine Komposttoilette nach ganz neuen Maßstäben. Goldeimer engagiert sich sozial und ökologisch, verkauft eigenes Toilettenpapier und vermietet Komposttoiletten auf Festivals, um auf das Problem der globalen Sanitärkrise aufmerksam zu machen.

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Goldeimer und WERKHAUS arbeiten zusammen.

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Hier ein Beispiel für die gelungene Zusammenarbeit von WERKHAUS und Goldeimer: Goldeimer liefert das Toiletttenpapier, WERKHAUS die poppig verzierte Toilettenpapier-Steckbox.

Alle Goldeimer-Erlöse fließen in die Arbeit der Welthungerhilfe.

Hier ist ein Prototyp der Komposttoiletten zu sehen, die für Festivals gedacht sind:

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„Gespült“ wird, anders als bei herkömmlichen transportablen Toilettenhäuschen aus Kunststoff, nicht mit Wasser, sondern mit Sägespänen.

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Hier sieht man den Spülhebel, der nach Betätigen Sägespäne ins Toilettenbecken rieseln lässt.

Im Toilettenhäuschen im WERKHAUS-typischen Stecksystem gibt es ein Handwaschbecken mit wassersparender Fußpumpe und einen Spiegel.

An einer Wand im Klohäuschen ist auch noch Platz für Kunst:

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Außerdem haben die Designer von destinature mit Goldeimer rund um das Thema „Klo“ weitere Produkte entwickelt, darunter ein „Klo to go“, eine transportable Mini-Toilette, die man zum Beispiel in einem Schrebergarten oder beim Camping einsetzen kann.

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Auf dem Werbeplakat kann man eins der „Klo to go“ erkennen: schont die Natur und nehmt eure Toilette überallhin mit!

Ein weiteres Projekt, an dem WERKHAUS destinature beteiligt ist, ist die Ausstattung des Projekts „CoWorkLand“ in Schleswig Holstein, ein mobiles Co-Working-Space, das durch die Heinrich-Böll-Stiftung ins Leben gerufen wurde. Bis zum 16. August können nicht nur die Co-Worker am Strand  „Brasilien“ in der Nähe von Schöneberg die mobile WERKHAUS-Sauna nutzen.

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Ein Bild von der mobilen Sauna aus dem Katalog von „destinature“.

Im Archäologischen Zentrum Hitzacker steht der Prototyp einer Übernachtungshütte für Fahrradtouristen, die ebenfalls von destinature entwickelt wurde.

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Hier sieht man den Prototyp einer Übernachtungshütte für Fahrradtouristen. Innen ist Platz für ein klappbares Doppelbett und für Kleinmöbel. Vor der Hütte: die ausklappbare Terrasse.

Inzwischen haben dort bereits erste Gewinner einer Verlosung ein „Schnupperwochenende“ verbracht. Die Hütte ist Teil eines schon bewilligten Förderprojekts: Es soll ein ökologisch orientiertes Camp mit weiteren Hütten, Komposttoiletten und einem Bistro  aufgebaut werden.

In der großen Halle des Alten Postamts zeugt kreatives Chaos vom Ausprobieren verschiedener Materialien, Werkzeuge und Maschinen stehen herum, Prototypen warten auf Verbesserung und Weiterentwicklung:

 

Frische neue Ideen also im Alten Postamt von Lüchow! Die Ansiedlung von destinature mit seinen jungen Kreativen kann richtungweisend auch für andere zukunftsorientierte Unternehmen und Projekte sein. Probeweise kann man ja zunächst das Co-Working-Space der Grünen Werkstatt, das „PostLab“ nutzen.

 

 

 

 

 

Energiewende: Elektro-Autos bei der Post

Wendland, 26. Juli 2018.
Täglich kommt ein Wagen von der Post bei uns ins Dorf, um Briefe zu bringen und den Briefkasten zu leeren – normalerweise ein sogenannter „Caddy“.

Aber heute kam die Zustellerin mit einem neuen Wagen, der mir sofort auffiel: ein Elektro-Auto.
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„Fünf Stück gibt es inzwischen bei uns in Lüchow – seit letztem Donnerstag“, sagt die Zustellerin, und es sollen noch mehr werden. Allerdings wird nicht komplett umgerüstet, da einige Zustelltouren über Land bis zu 90 KM lang sind, und dafür reicht die Akkuleistung noch nicht aus. Briefe, aber auch Pakete sollen damit ausgeliefert werden.

„Meine Kollegin hat sich noch nicht getraut, mit dem E-Auto zu fahren, deshalb habe ich heute diese Tour übernommen“, sagt die Zustellerin, „mir macht es nichts aus, Automatik zu fahren!“

 

25. Juli: Jacobitag in Lübbow

Lübbow, 25. Juli 2018.

Jedes Jahr am 25. Juli wird in Lübbow traditionell seit vielen Jahrhunderten schon der Jacobitag begangen. Jakob ist einer der Apostel und Namenspatron der kleinen Kapelle in Lübbow, die Anfang des dreizehnten Jahrhunderts aus Feldsteinen von Zistersiensermönchen eines nahen Klosters erbaut worden ist. Nach der Reformation wandte sich der überwiegende Teil der wendländischen Bevölkerung dem Protestantismus zu, der Name der Kapelle blieb aber erhalten: St.-Jakob-Kapelle.

Der Jacobitag wird heutzutage so begangen: am Vormittag findet in der Kapelle ein Gottesdienst mit Abendmahl statt, anschließend trifft sich die Gemeinde im Dorfgemeinschaftshaus und verzehrt im Rahmen eines geselligen Beisammenseins gemeinsam mit dem Pastor eine Erbsensuppe. Um 15:00 Uhr ist Kindertanz im großen Saal angesagt, und die erwachsenen Begleiter treffen sich zu Kaffee und Kuchen. Abends um acht dürfen dann die Erwachsenen tanzen. Es soll also ein fröhlicher, vergnügter Tag, der sich vom Alltag abhebt, werden.

Ich war heute um kurz vor zehn in der Kapelle. Die kleine Eingangstür war links und rechts mit jungen Birken geschmückt.

Innen hatten sich schon zahlreiche Dorfbewohner eingefunden, um sich die besten Plätze zu sichern.

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Die hölzernen Sitzbänke sind mit römischen Ziffern durchnummeriert.

Links an der Seite liegt ein alter Eichenbalken, der bis ins 19. Jahrhundert an der Grenze zwischen zwei Herrschaftsbezirken als Zollschlagbaum diente. An ihm hängt eine alte Geschichte, denn in heidnischer Zeit soll er als Gerichtsbaum gedient haben, unter dem Recht gesprochen und an dem wohl auch Recht vollzogen wurde. Nachdem die missionierenden Mönche die sogenannte „Banneiche“ einfach gefällt hatten, wollte niemand die „Bluteiche“ haben, und so wurde sie in die Kapelle als Sitzgelegenheit gelegt.

Der Altar wird geschmückt, eine Decke aufgelegt und Blumen hingestellt.

Seitlich vor der Kapelle hält die Blaskapelle noch mal eine Probe ab, schließlich soll im Gottesdienst jeder Ton sitzen, wenn die Gemeinde beim Gesang begleitet wird.

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Nach dem Gottesdienst gehen alle einige Dutzend Meter weiter zur alten Schule. Die Alte Schule wurde zum Dorfgemeinschaftshaus umgewidmet. In ihm finden nun solche Feiern wie zum Beispiel der Jacobitag statt. Man kann den Saal auch für eigene Veranstaltungen mieten.
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Im Anbau an der alten Schule bringt die Feuerwehr ihren Löschwagen unter, und auf der anderen Seite hat der örtliche Sportverein Räumlichkeiten.

An das Dorfgemeinschaftshaus grenzt ein großzügiger Spielplatz für Kinder, und dahinter liegt ein Fußballplatz.
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Links vor dem Gebäude stehen eine Hollywoodschaukel und eine Sitzbank.

Gegen 11:00 Uhr nun trifft sich die Gemeinde und sitzt zusammen beim Erbsensuppenessen.
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Auch Pastor Oppermann holt sich einen Teller und setzt sich zwischen seine Schäfchen.

Am Nachmittag beim Kindertanztermin sind nur wenige Kinder gekommen.
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In Niedersachsen sind Ferien, und viele Kinder sind mit ihren Eltern verreist. Außerdem ist es heute wie seit vielen Wochen schon sehr heiß, die Sonne brennt, und ich kann mir vorstellen, dass viele Kinder wohl lieber draußen im Schwimmbad sind. Bei Regenwetter hätte es hier wohl anders ausgesehen. Gleichwohl sitzen viele Eltern und Großeltern an den Tischen und lassen sich Kuchen und Kaffee schmecken, während der Disc-Jockey mit deutscher Schlagermusik Stimmung macht.

Beim Weggehen fallen mir rund um das Dorfgemeinschaftshaus noch viele witzige Details auf, die auf kreative Dorfbewohner schließen lassen. Zum Beispiel wurde ein ausgedienter Wasserschlauch der Feuerwehr zum Zaun umfunktioniert. Aus drei Besenköpfen von Straßenbesen wurde diese Schuhputzeinrichtung zusammengefügt.
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Und ein ausgedienter Feuerwehrhelm gibt den Aschenbecher vor der Eingangstür. Auf dem Spielplatz wurde dieser Tunnel durch den aufgeschütteten darüberliegenden „Berg“ gefertigt: eine Betonröhre, und drumherum ausgediente Straßenseitenpfähle (Fachbegriff kenne ich nicht).

 

Jahresbericht

Sommerfest in Waddeweitz

Waddeweitz, 14. und 15. Juli 2018.
Die Gemeinde Waddeweitz lud für den vergangenen Sonnabend und Sonntag zu ihrem jährlichen Sommerfest, das zum 52. Mal stattfand, ein. An mehreren Stellen im Landkreis standen diese netten Schilder:

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Ich kam am Sonnabend von meiner Freundin in Bevensen kommend durch Waddeweitz und schaute mal kurz auf dem Festplatz am Schornstein der alten Ziegelei vorbei.

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Der Schornstein als Überbleibsel der alten Ziegelei in Waddeweitz dient als Orientierungspunkt für den Festplatz.

Es war kurz vor 18:00 Uhr, also zu einer Zeit, zu der das Fest eigentlich beginnen sollte. Ein Festzelt für die Disco am Abend und für das Public Viewing am Sonntag war aufgebaut worden, und drum herum standen einige weitere Zelte und Holzbuden sowie diverse Imbisswagen. Im Zentrum des Festplatzes der Bierstand, um den herum sich schon einige Gäste versammelt hatten.

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Einblick in das Festgelände am Dorfgemeinschaftshaus.

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17:59 Uhr: Erst wenige Gäste haben sich eingefunden. Aber das änderte sich im Verlauf des Abends!

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Hier im Festzelt sitzen am Sonntagabend die Fußballinteressierten beim Public Viewing.

 

 

 

 

Die Technik für den Discoabend ist aufgebaut, die Techniker können ihren Truck wegfahren.

Da ich Hunger habe, bin ich in einem der Imbisswagen der erste Gast und bestelle eine Pizza Hawaii, die sehr gut schmeckt.

Die Eis- und Imbisswagenbesitzer treffen letzte Vorbereitungen, drehen Fladen für die nächste Pizza oder ordnen die Auslage.

Endlich kommen einige junge Leute und Familien mit Kindern. Das Wetter war einfach wieder zu schön, da waren viele wohl noch im nahen Naturbad.

Ich sehe mir noch das Dorfgemeinschaftshaus und den Spielplatz sowie den Grillplatz drumherum an.

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Das Dorfgemeinschaftshaus von Waddeweitz.

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Der Spiel- und Bolzplatz um das Dorfgemeinschaftshaus.

Um den alten Schornstein der früheren Ziegelei herum gibt es auch viel Platz und Grillmöglichkeiten:
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Am nächsten Tag, dem Sonntag, komme ich wieder um etwa die gleiche Zeit – kurz nach 18:00 Uhr – auf dem Festplatz vorbei.

Jetzt sitzen viele Menschen im Festzelt vor dem großen Fernseher und sehen sich gemeinschaftlich das Finalspiel der Fußballweltmeisterschaft Frankreich gegen Kroatien an: Public Viewing.

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Andere sitzen lieber in der Mitte des Festplatzes zusammen und trinken ein Bier:

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In einem größeren Zelt – im Unterschied zu den Organisatoren der Pokalverleihung bei der Fußballweltmeisterschaft in Russland hat man hier an möglichen Regen gedacht –  gibt es leckere Torte, von den Landfrauen im Ort selbst gebacken:

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Die Inhaberin einer kleinen Gärtnerei, die ihre schönen Blumen auch regelmäßig auf dem Lüchower Wochenmarkt am Sonnabend und auf anderen Märkten wie zum Beispiel den Kürbismarkt in Platenlaase anbietet, packt ihre verbliebene Ware zusammen.

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Neben ihr ist ein kleiner Verkaufsstand mit Kirschen, Johannisbeeren und Ähnlichem.

Dann treffe ich in einem kleinen Zelt auf die Kunsthandwerkerin Karin Mönkemann aus Kiefen, das ist ein Dorfteil von Waddeweitz. Sie wickelt gerade sorgsam ihre nicht verkauften Kunstwerke in Papier ein.
Sie hat zwei Jahre lang in ihrer kleinen Werkstatt mit dem Werkstoff Beton experimentiert, ehe sie mit der Konsistenz der Betonart und mit den Ergebnissen ihrer Arbeiten zufrieden war. Endlich hat sie sich nun das erste Mal getraut, ihre Produkte auch zum Verkauf anzubieten – und ist mit dem Erfolg durchaus zufrieden.

Für die Fertigung ihrer dekorativen Figuren nutzt sie Gießformen. So entstehen Hennen, Frösche, Engel, Guglhupfe und Tortenböden aus Beton, die man nach Belieben weiter dekorieren kann. Man kann zum Beispiel Blumen oder Kerzen oder eine Metallkugel darauf setzen und hat so schöne Dinge für Haus und Garten.

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Karin Mönkemann hat auch einen Namen für ihre Werkstatt und deren Produkte: „Beton Art“ – Kunst aus Beton.

Außer Beton-Artikeln stellt Karin Mönkemann auch Gartenstecker aus gebrauchten Glasartikeln her. Zum Beispiel kombiniert sie eine Glasvase mit einem Aschenbecher aus Muranoglas, wie hier zu sehen:

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Oder diese Kombination aus ganz verschiedenen Gebrauchsartikeln:

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Das obere Gefäß soll immer oben offen sein, damit es auch als Vogelbad bzw. Vogeltränke dienen kann.

Durch den Erfolg auf dem Sommerfest in Waddeweitz ermuntert, möchte Karin Mönkemann nun auch auf weiteren Märkten ausstellen, zum Beispiel auf dem Weihnachtsmarkt in Waddeweitz.

Ich wünsche ihr viel Erfolg!

 

Der Storch von Kolborn

Kolborn, 13.7.2018.
Ein Bekannter aus dem Nachbardorf berichtete mir gestern von einem Storchennest mit drei Jungtieren in Kolborn.

Das wollte ich mir doch einmal ansehen und fuhr gestern Abend nach Kolborn. Nach einigem Suchen und Fragen fand ich ihn dann, den Weißstorch. Er stand ganz hoch oben auf der Achse eines inzwischen aus Altersgründen weitgehend abgebrochenen hölzernen Wagenrades, das auf die Spitze eines hohen Pfahls montiert war.

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Er stand auf einem Bein und so reglos, dass ich anfangs dachte, es wäre ein künstlicher Storch, aus Plastik etwa, der nur auf das Vorhandensein eines echten Storches aufmerksam machen solle.
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Aber dann – juckte es ihn am Kinn und er musste sich kurz mal kratzen:

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Danach stand er wieder genauso regungslos auf einem Bein. Guckte aber auf mich herab.

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Die Jungen habe ich leider nicht gesehen …

 

 

Die St.-Jakob-Kapelle von Lübbow

Lübbow, Anfang Juli.

Lübbow ist ein Straßendorf zwischen Lüchow und Salzwedel. Straßendorf bedeutet, dass es sich nicht um einen Rundling handelt, sondern die Häuser links und rechts entlang der Hauptstraße durch das Dorf (und in einigen Nebenstraßen) angesiedelt sind.

Die kleine Kapelle habe ich bisher immer übersehen, wenn ich durch Lübbow Richtung Salzwedel gefahren bin. Weil sie so klein ist. Aber irgendwann fiel sie mir auf, und vor ein paar Tagen habe ich mal angehalten und sie mir angeschaut.

 

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Die St.-Jakob-Kapelle von Lübbow von der Straße aus gesehen.

 

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Die Kapelle von der Seite.

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Die hintere Wand der Kapelle in Fachwerkbauweise mit zwei Fenstern.

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Blick durchs Fenster in das Innere.

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Im Vordergrund ein einfacher Tisch mit dem Kreuz und mit Kerzen.

Schutzpatron der Kapelle ist der Apostel Jakob. Das Wendland hat sich überwiegend der Reformation angeschlossen, aber der Name wurde auch nach „Abschaffung“ der Heiligen  der katholischen Kirche beibehalten. Am 25. Juli wird in Lübbow der Jacobitag begangen, wobei sich die Lübbower nach dem Gottesdienst zu einer „Volksspeisung“ mit Erbsensuppe  treffen.

Die Kapelle wurde in der Zeit der Christianisierung des Wendlands um 1200 aus Feldsteinen von Zistersienser-Mönchen errichtet, die nicht immer anwesend waren. Bei Anwesenheit stellten sie ihr Kreuz in eine kleine Außennische an der Kapelle. Die Anwohner suchten dann die Mönche auf, erhielten geistliche Unterweisung, aber auch Lebensberatung. Im Dreißigjährigen Krieg wurde der Chorraum zerstört. Im 17. Jahrhundert wurde dann die hintere Wand aus Mauersteinen mit Fachwerkbauweise errichtet, und es wurden zwei Fenster eingebaut..

In früherer Zeit hatte die Kapelle keine Sitzgelegenheiten, die Gemeinde stand während des Gottesdienstes. Im 19. Jahrhundert wurde ein Eichenstamm in die Kapelle gebracht, der als Zollschlagbaum genutzt worden war und der dann lange Zeit als einzige Sitzgelegenheit diente.

Die Eiche war in heidnischer Zeit als Gerichtseiche – der „Banneiche“ –  an einem Ort zwischen Bösel und Wustrow, der heute noch Banneick heißt, genutzt worden und wurde in der Zeit der Christianisierung des Wendlands von den Zistersiensermönchen einfach gefällt. Niemand wollte sie aus Aberglauben für den Hausbau verwenden, weil auf ihr ein „Blutfluch“ laste. Daher wurde der Eichenstamm als Zollschlagbaum für die bei Lübbow verlaufende Grenze zwischen Welfen- und Askaniergebiet bis 1866 genutzt, dem Jahr, in dem die preußische Zollunion die Grenzen aufhob. Als der Zollschlagbaum nicht mehr nötig war, brachte man den Eichenstamm in die Kapelle, wo „Gott ihn sanktionieren könne“.

Das Vorstehende habe ich Informationen in einer Schautafel neben der Kapelle entnommen.

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Inzwischen wurde die Kapelle mit einfachen Sitzbänken ausgestattet.

Vor der Kapelle steht eine alte Sitzbank.

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Der nächste Jacobitag ist am Mittwoch, den 25. Juli 2018. Um 10:00 Uhr findet dann in der Kapelle ein Gottesdienst mit anschließendem Abendmahl statt.

Danach treffen sich die Bürger*innen zu einem gemütlichen Beisammensein mit Erbsensuppenessen.

Am Nachmittag um 14:30 Uhr findet dann ein Kindertanz statt, und am Abend können sich ab 19:30 Uhr auch die Erwachsenen beim Tanzen in der alten Schule vergnügen.

 

 

 

 

 

Gebräuche und Aberglauben im Wendland

Per Zufall habe ich im Internet ein  kostenlos herunterladbares E-Book gefunden, das unter anderem auch Berichte über Gebräuche und Aberglauben im Wendland enthält.

Das Buch mit 394 Seiten hat den Titel „Märkische Sagen und Märchen, nebst Anhange von Gebräuchen und Aberglauben“ (auch hier) und ist im Jahr 1843 in Berlin herausgegeben worden. Der Herausgeber heißt Adalbert Kuhn.

Allein schon zwei Titel der Geschichten im Buch sind „wendenbezogen“:

>Jean Kale, der letzte Wendenkönig
und
>Der Wendenkönig

Gebräuche und abergläubische Handlungen aus den namentlich erwähnten Orten Rebenstorf, Dangenstorf, Predöhl, Lübbow, Bülitz, Lüchow, Dannenberg werden geschildert sowie Handlungen allgemein aus den wendischen Gebieten.

Ich habe einige Passagen (aus Sütterlinschrift) „übersetzt“ und selbst betitelt:
-Der Kronenbaum
-Der Kreuzbaum
-Hahntreiben
-Väter töten
-Totenwache
-Osterlamm schlachten
-Maiumzug
-Aposteltage
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Der Kronenbaum am Johannistag (= 24. Juni)

„Die ehemaligen Wenden nördlich von Salzwedel richteten (…) am Johannistage den sogenannten Kronenbaum auf, der allein von den Weibern geholt werden durfte, keine schloss sich davon aus, und selbst körperliche Gebrechen hielten nicht von dem Zuge ab. Am Abend vor Johannis wurde dieser Baum, eine Birke, gehauen, und alle Zweige bis in  den Wipfel, an dem man eine kleine Krone stehen ließ, fortgenommen.

Am Johannistage selbst nahmen dann die Weiber das Vordergestell eines Wagens, spannten sich anstatt der Ochsen oder Pferde vor und und zogen also in das Holz.

Das Wetter oder der Weg mochte beschaffen sein, wie sie wollten, sie fuhren nicht aus der Heerstraße, sollten sie auch im Morast oder Wasser bis an die Ohren gehen müssen.

Die starken jungen Weiber gingen neben dem Wagen her, sangen Freudenlieder in wendischer Sprache, und ließen die alten Mütterchen ziehen, dass sie bersten mochten.

Sobald sie mit dem Baum an das Dorf zurück gelangten, erhoben sie ein Freudengeschrei, eilten grades Weges nach dem Orte, wo der alte Kronenbaum stand, und hieben denselben um, welchen ein Kosater oder Häusling kaufen und den alten Weibern dafür zwei Schilling zu Branntwein geben musste.

Der neue Baum ward nun unter vielem Frohlocken aufgerichtet, mit Kränzen und Blumen behängt, und mit zwölf oder mehr Kannen Bier nach ihrer Art eingesegnet.“


Der Kreuzbaum


„Bei denselben Wenden war es ehmals Sitte, mitten im Dorfe einen sogenannten Kreuzbaum, eine Eiche, aufzurichten, der so lange stehen blieb, bis er umfiel.

Er durfte jedoch alsdann vor Mariä Himmelfahrt nicht wieder gerichtet werden, weil sie sagten, die Stätte wolle es nicht leiden.

Diese Stätte wurde von etlichen für einen männlichen Geist ausgegeben, der sich an der Stelle des Baums aufhalte, daher auch kein Wende mit garstigen Füßen über diesen Platz gehen durfte.

Einst begab es sich zu Rebensdorf (nach anderen zu Dangsdorf), dass der Dorfbulle, als er von der Weide kam, seine juckende Lende mit solcher Gewalt daran scheuerte, dass der Baum darüber umfiel und den Bullen totschlug.

Dies nahmen die Bauern als ein doppeltes Zeichen eines bevorstehenden großen Unglücks*.

Zur Versöhnung der beleidigten Stätte aber wurde noch alle Jahre auf den Tag, wo der Bulle totgeschlagen wurde, all ihr Vieh, groß und klein, um den Baum getrieben.

Es wurde auch, wenn ein neuer Kreuzbaum aufgerichtet wurde, das Vieh eingesegnet.

Diese Einsegnung geschah in folgender Gestalt:
Zuerst soffen sich alle Bauern toll und voll, darauf tanzten sie in vollen Sprüngen um den Baum, und der Schulze führte in seinen Sonntagskleidern und mit einem breiten, weißen Handtuch um den Leib die Reihen an. Dann nahm der Schulze ein großes Licht nebst einem Glas Bier in die Hand, ging damit um das zusammengetriebene Vieh, bespritzte dasselbe mit Bier und segnete es mit wendischen Worten ein.

Zu Bülitz und im ganzen Drawehn (der Gau zwischen Lüchow, Dannenberg und Uelzen im Hannoverschen) wurden die Häuser, Ställe, Küchen, Keller, Kammern und Stuben mit Bier oder Branntwein an dem Tage, wenn der Kreuzbaum aufgerichtet wurde, begossen, und man glaubte, die Stätte wolle es so haben, und das Vieh würde andernfalls Not leiden.

Im Kirchspiel Predöhl jagten sie das Vieh um den Baum, damit es im selben Jahr wohl gedeihe, gingen auch mit einem großen Wachslicht, wie es überall bei diesen Gebräuchen Sitte war, um den Kreuzbaum, und redeten etliche wendische Worte.

Ja, man sagte, dass dort noch täglich ein alter Greis vor dem Baum niedergekniet sei und seine besondere Andacht gehalten habe.

So oft vor Zeiten eine junge Frau aus einem anderen Ort durch Heirat in ein solches wendisches Dorf kam, musste sie um den Kreuzbaum tanzen und etwas Geld hineinstecken. Dergleichen Opfer geschah auch, wenn jemand von einer Wunde oder von einem Schaden, die oder den sie fleißig am Baume zu reiben pflegten, geheilt worden war, und kein Mensch vergriff sich an dem Geld.

Dieser Kreuzbaum war nun zwanzig und mehr Ellen hoch, oben befand sich ein hölzernes Kreuz, und über diesem ein feststehender eiserner Hahn. Wenn nun Mariä Himmelfahrt nahte, so wählte man einen anderen Baum im Holze, ging an diesem Tage dorthin, die Hauswirte traten auf den Baum zu und jeder musste seinen Hieb hineintun, bis er umfiel.

Darauf wurde er auf einen mit Ochsen bespannten Wagen gelegt, sie deckten ihn mit ihren Jacken zu, dass nichts davon zu sehen war, und fuhren mit Freuden zu der Stätte, an der der vorherige gestanden hatte, und diese Stätte war ein kleiner runder Hügel mitten im Dorf.

Hier wurde er von einem wendischen Zimmermann viereckig gehauen und es wurden auf beiden Seiten Pflöcke angebracht, sodass man hinaufsteigen konnte.

Darauf wurde er unter Freudengeschrei aufgerichtet, der Schulze kletterte hinauf, setzte den Hahn auf und segnete ihn mit einem Glas Bier ein.

Zuletzt wurde gezecht und man behauptete, wenn es nicht geschehe, gedeihe das Vieh nicht.

*Die Lüneburgschen Wenden hielten es ohnedies für ein besonderes Unglück, wenn ein Bulle natürlicherweise starb, und wenn es geschah, wurde dieses Tier oft mitten im Dorf begraben, in einer gesondert angefertigten Grube, in die ihn der Abdecker stoßen musste, sodass er in ordentlicher Weise hat verscharrt werden können.“
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Weitere Gebräuche:

Hahntreiben
„An einigen Orten, namentlich im Amt Dannenberg, wurde jährlich ein Hahn so lange herumgejagt, bis er ermüdet hinfiel; dann schlug man ihn tot, kochte ihn und verzehrte ihn. Während der Mahlzeit durfte niemand aus dem Dorf gehen. Ein großes Brot wurde gebacken, von dem jeder etwas haben musste. Auch bei diesem Gebrauch hatte man hauptsächlich das Gedeihen des Viehs im Auge.“
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Totenwache

„Wenn jemand starb, war es ehemals bei den Wenden auf der Gabelheide Sitte, bei dem Toten zu singen und zu tanzen, auch die ganze Nacht über zu trinken und zuletzt die Güter der Verstorbenen zu benetzen.“


Väter töten

„Noch um das sechzehnte Jahrhundert soll es bei diesen Wenden Sitte gewesen sein, ihre alten Väter, wenn sie zur Arbeit untüchtig wurden, mit besonderen Zeremonien zu töten.“
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Osterlamm schlachten

„Auch schlachteten sie alljährlich am Karfreitag auf ihrem aufgerichteten Baum ein Osterlämmlein mit besonderen Gebräuchen.“
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Mai-Umzug

„Im Mai hielten sie einen Umzug um die Felder, wobei ein mit der Sitte vertrauter alter Priester, Sclavasco genannt, den Vortritt hatte; ein Spielmann zog auch mit und gebrauchte eine aus einem Hundsfell gemachte Sackpfeife oder Pauke, deren Ton, wie man glaubte, bewirkte, dass Regen und Gewitter der Saat keinen Schaden brächten.
Heutzutage wird besonders noch der Johannistag bei den Abkommen jener Wenden festlich begangen; ob indes noch besondere Gebräuche dabei herrschen, war nicht in Erfahrung zu bringen. Oft wird noch an den folgenden Tagen gefeiert und insbesondere viel getrunken.“
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Aposteltage

„Außerdem werden noch die Aposteltage gefeiert, so z.B. in Lübbow an der märkischen Grenze bei Salzwedel der Jacobitag, weil die hier stehende Kapelle diesem Apostel geheiligt war.
Am Donnerstagabend, welcher den Namen Ketschenabend führt, wird in dieser Gegend gefeiert; die älteren Frauen spinnen dann nicht, auch wird kein Dünger ausgebracht.“
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Wie gut, dass inzwischen Menschenrechts-. und Tierschutzgesetze auch im Wendland gelten …