Der am dünnsten besiedelte Landkreis …

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Das Hannoversche Wendland – ein Bildband aus dem Jahr 1971, hrsg. vom Landkreis Lüchow-Dannenberg

Heute habe ich beim Aufräumen einen Bildband wiedergefunden, den ich 1972 zum Abitur geschenkt bekommen habe: „Das Hannoversche Wendland – Beiträge zur Beschreibung des Landkreises Lüchow-Dannenberg“, Lüchow 1971, herausgegeben vom Landkreis unter der Gesamtleitung von Oberkreisdirektor Wilhelm Paasche.

Gleich auf der ersten Seite lese ich: „Nach der Fläche zählt der Landkreis Lüchow-Dannenberg, … , zu den größten des Bundesgebietes (Anm.: war noch vor der Wende…). Die Bevölkerungszahl ist mit z.Z. 50 500 Einwohnern dagegen gering, da der Kreis mit 42 Einwohnern je qkm der am dünnsten besiedelte Landkreis des Bundesgebietes ist.“

Das kam mir doch sehr bekannt vor. Auf Wikipedia lese ich: „Der Landkreis Lüchow-Dannenberg ist der östlichste Landkreis Niedersachsens und mit etwa 50.000 Einwohnern der nach Einwohnerzahl kleinste Deutschlands sowie der am dünnsten besiedelte Landkreis der alten Bundesländer.“ Und: “ … der Landkreis (wies) im Jahr 1972 die niedrigste Bevölkerungszahl aller Kreise Westdeutschlands auf (heute hat er die niedrigste Bevölkerungszahl aller Kreise Deutschlands).“ Letzte Bearbeitung der Wikipedia-Seite vom 26.11.2017.

Im oben genannten Bildband wird der damalige geringe Einwohnerbestand so erklärt: „Diese dünne Besiedelung ist einmal die Folge der Tatsache, daß sich die das Kreisgebiet erschließenden Mittelzentren an der Peripherie außerhalb des Kreisgebietes entwickelt hatten. Die jetzt in der DDR liegenden Städte Salzwedel und Wittenberge hielten früher Arbeitsplätze und Versorgungseinrichtungen für unser Gebiet vor. Zum anderen ist die Bevölkerungsverminderung durch eine Abwanderung eingetreten, wie sie in der Bundesrepublik auf der Kreisstufe einmalig ist.“

Und auf Seite 10 heißt es dann: „Der Kreis Lüchow-Dannenberg steht wirtschaftlich am Scheidewege. Entweder es gelingt, die Abwanderung der Jugend zu stoppen und eine allmähliche Verstärkung der Bevölkerung einzuleiten, oder die Bevölkerung reicht bald nicht mehr aus, um die notwendigsten Dienstleistungsberufe, die der moderne Mensch erwartet, hier ernähren zu können. Als Folge müsste eine verstärkte Abwanderung befürchtet werden. Die für diesen Kreis Verantwortlichen sind heute optimistisch. Die Infrastruktur, d.h. die Ausstattung des Kreises mit öffentlichen und privaten Einrichtungen, ist mit Hilfe von Bund und Land auf einen Stand gebracht, daß das Leben in diesem Kreise durchaus lebenswert erscheint, insbesondere verglichen mit den wachsenden Beschwerlichkeiten in den Ballungszentren. Die Bemühungen um die Schaffung von Voraussetzungen für den Fremdenverkehr werden diesen Standard weiter verbessern.
In den letzten Jahren ist ein ständig zunehmender Zuzug von Großstädtern – vor allem aus Hamburg und Berlin – zu beobachten, die sich in den Erholungsgebieten unseres Kreises eine Zweitwohnung oder einen Alterssitz errichten. Es ist vorauszusehen, daß sich der Zug ‚zurück aufs Land‘ in der Zukunft noch wesentlich verstärken wird. Der Kreis Lüchow-Dannenberg bietet dafür besonders günstige Voraussetzungen. Er begrüßt diese Verstärkung seiner Bevölkerung auch und wird alles tun, um den Zuziehenden hier günstige Lebensbedingungen zu schaffen.“

Ja, fast fünfzig Jahre liegen zwischen dem Text aus 1971 und heute, aber der Text könnte auch heute geschrieben worden sein. Die gleichen Wünsche, Hoffnungen und Probleme … ich fand es interessant, diese Zeilen aus dem Bildband mit den heutigen Gegebenheiten vergleichen zu können.

 

Regiobranding Wendland/Griese Gegend

Dömitz.
Bereits seit 2015 untersucht ein Forschungsprojekt mit der Bezeichnung „Regiobranding“ der Leibniz Universität Hannover die Wahrnehmung der Kulturlandschaften „Wendland“ = Landkreis Lüchow-Dannenberg und „Griese Gegend“ = Teil vom Landkreis Ludwigslust-Parchim durch die Bevölkerung, um anschließend daraus einen Nutzen für die Verbesserung des öffentlichen Interesses für diese Regionen ziehen und Voraussetzungen für eine weiterführende touristische Vermarktung schaffen zu können.

Die beiden Landkreise grenzen im Nordosten Niedersachsens bzw. im Südosten Mecklenburg-Vorpommerns aneinander, waren aber bis 1989 durch den „Eisernen Vorhang“ voneinander getrennt. Die Bevölkerung der beiden Landkreise entwickelte sich über eine Menschengeneration getrennt unter verschiedenen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Bedingungen. Verbindendes Element zwischen beiden Landkreisen war und ist aber die Elbe mit ihren teilweise kilometerbreiten Auen, den Überschwemmungsfeldern links und rechts des viertgrößten deutschen Flusses. Die Landschaft dort ist Teil des Urstromtals der Elbe.

Ich bin im Wendland geboren und in einer Zeit aufgewachsen, in der die beiden deutschen Staaten getrennt waren. Für unsere Generation war die Welt hinter der Elbe unerreichbar. Oft standen wir am Ufer in Hitzacker und starrten hinüber. Weit hinten konnte man einige Häuser sehen, Menschen aber nie. Nur die Patrouillenboote des DDR-Grenzschutzes mit ihrer Besatzung sahen wir vorbeifahren.

Gestern am Donnerstag aber bin ich von Hitzacker aus mit dem Auto an der Elbe entlang gefahren.

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Elbufer bei Wussegel.

Über Wussegel kam ich nach Dannenberg und bog nach links Richtung Dömitz ab. Bald schon sah ich die große Dömitzer Brücke über die Elbe – und dann fuhr ich hinüber und entdeckte auf der anderen Seite das große braune Schild: An dieser Stelle waren Deutschland und ganz Europa bis 1989 getrennt.

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Zum Gedenken: Hier waren Deutschland und Europa bis zum 7. Dezember 1989 um 10:00 Uhr geteilt

Bis 1989 war Deutschland hier zu Ende, aus Sicht Westdeutschlands und aus Sicht Ostdeutschlands.

Aber jetzt fuhren auf der Elbe keine Patrouillenboote, sondern große Frachtschiffe. Und Deutschland war hier nicht mehr zu Ende.

 

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Rückblick zur Dömitzer Brücke. Darunter fließt die Elbe.

Und schon wenige hundert Meter hinter der Brücke ging es rechts nach Dömitz. Ich war jetzt in der „Griesen Gegend“. So wird der Teil des Landkreises Ludwigslust-Parchim nahe der Elbe seit Jahrhunderten genannt. Ich allerdings hatte noch nie etwas von der „Griesen Gegend“ gehört. Für mich war der Begriff völlig neu.

Ins Dömitzer Alte Rathaus hatte der Silberfuchs-Verlag zu einem Kreativ-Workshop als Auftakt-Workshop von insgesamt vier geplanten Arbeitskreisen eingeladen. Der Silberfuchs-Verlag, ansässig im Landkreis Ludwigslust-Parchim und spezialisiert auf Wissensvermittlung über Medien, hat die Aufgabe übernommen, für das Projekt „Regiobranding“ ein multimediales  Internet-Portal einzurichten. Bis Ende 2018 sollen auf der Wissens-Plattform Geschichten, Videos, Fotos, Interviews über die Geschichte der beiden Kulturlandschaften, deren Natur, Menschen, Tiere, Siedlungsformen, Traditionen, Sagen und Siedlungsformen abrufbar sein.

Viele Wissenschaftler nicht nur der Leibniz Universität Hannover, sondern auch der Universität Hamburg und der Universität Greifswald haben sich im Rahmen des Projekts mit Kultur, Geschichte und Natur der beiden benachbarten Landstriche auseinandergesetzt, Dissertationen wurden geschrieben, Datenbanken mit Forschungsberichten gefüttert. Nun aber sollten die wissenschaftlichen Ergebnisse durch das Wissen der in der Region lebenden Menschen ergänzt und abgerundet werden. „Citizen Science“ nennt sich das in der Sprache der Wissenschaft: also das Wissen der Bürger nutzen. Wissenschaft einerseits für die Wissenschaftler, das Vermitteln von erlebtem Wissen in lebendiger Form für interessierte Bürger andererseits – deshalb berücksichtigt das Projekt beide Seiten.

Finanziert wird das gesamte Projekt, also auch die Tätigkeit des Silberfuchs-Verlags als Editor des Portals, durch Bundesmittel, bereitgestellt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Im Konferenzsaal des Rathauses hatten sich von beiden Landkreisen etwa dreißig Teilnehmer zusammengefunden.

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Blick in den Sitzungssal mit ca. 30 Teilnehmenden. Rechts hinten Corinna Hesse und Antje Hinz vom Silberfuchs-Verlag als Moderatorinnen des Workshops.

Nach einer kurzen Ansprache vom Dömitzer Bürgermeister Bode übernahm Corinna Hesse, Mitinhaberin des Silberfuchs-Verlags, die Moderation des Workshops, unterstützt durch ihre  Verlagspartnerin Antje Hinz.

Von den beiden Landkreisen waren Weiterlesen

Müll im Überfluss

Lüchow/Dannenberg.
Im Landkreis wird diskutiert, wie man einer Seuche beikommen kann: der Müllseuche. An Containersammelstellen werden offenbar immer wieder Mülltüten mit Hausmüll oder sonstiger Müll hingestellt. Auch an Parkplätzen oder Bushaltestellen ist dieses Problem bekannt.

Die Ursache meiner Meinung nach: das in der Psychologie bekannte Phänomen der „Verantwortungsdiffusion“. Sehen also mehrere Menschen ein Problem, fühlt sich nicht der Einzelne für die Beseitigung verantwortlich, sondern denkt „ach, es sind ja noch so viele außer mir hier – dann kann jemand anders die Lösung des Problems ja angehen“. Bewusst wurde das Phänomen der Verantwortungsdiffusion in der menschlichen Denkweise, als vor einigen Jahrzehnten nach dem Überfall und der Tötung einer jungen Frau in den USA sich durch Zeugenbefragungen herausstellte, dass mehrere Menschen von ihrem Balkon aus zugesehen hatten, aber keiner sich als Einzelner verantwortlich fühlte, einzugreifen.

Es kommt also darauf an, die Menschen in der Umgebung anzusprechen. Dazu könnte Weiterlesen