N’Guewel SAF – SAP: Westafrikanische Trommelmusik in Platenlaase

Platenlaase, 4. August 2018.
Am vergangenen Sonnabend traten im Café Grenzbereiche in Platenlaase erneut die Musiker und Sänger aus dem Senegal auf, die unter der Bezeichnung N’Guewel SAF SAP bekannt sind.
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Die Mitglieder der Gruppe entstammen der Kaste der „Griots“, die Sänger, Tänzer, Geschichtenerzähler und Künstler allgemein umfasst. Seit mehr als dreißig Jahren treten sie in vielen europäischen Ländern auf und tragen Trommelmusik aus Westafrika – dem Senegal, Gambia, Guinea und Mali – vor.

Einmal im Jahr kommen sie auch ins Wendland, ins Café Grenzbereiche, das von einem Kulturverein in Platenlaase nahe Lüchow geführt wird.

Gespielt wird auf Percussion-Instrumenten, hauptsächlich Djembé-Trommeln, aber auch auf Koras oder anderen Schlaginstrumenten.

Dazu gibt es Gesang und Tanz und einige fast akrobatisch zu nennende Darbietungen. Wichtig ist immer, dass das Publikum mit einbezogen wird.

So gibt die Gruppe im Vorfeld des Konzerts – einige Tage oder eine Woche vorher – im Rahmen eines Sommercamps auch Trommelunterricht für Anfänger und Fortgeschrittene sowie Unterricht in afrikanischem Tanz.

Der Konzertabend beginnt dann jeweils mit einer Vorstellung der erarbeiteten Stücke. Zuerst tritt die Anfängergruppe, danach die Fortgeschrittenen-Gruppe auf. Die Laien werden dabei jeweils von zwei Musikern aus der SAF SAP-Gruppe begleitet bzw. geführt. Toll, was so nach relativ kurzer Zeit schon gekonnt wird!

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Hier verbeugt sich gerade die Fortgeschrittenen-Trommler-Gruppe auf der Bühne in Platenlaase. Zu schnell für meine Kamera.

Nachdem eine Stunde lang die „Auszubildenden“ an der Djembé ihre Erfolge gezeigt haben, wird dann der Auftritt der eigentlichen Musikergruppe angekündigt.

Zuerst sitzen links und rechts auf der Bühne nur je ein Musiker mit dem kompliziertesten der Instrumente, der Kora, und stimmen in den afrikanischen Sound ein.

Der Korpus der Kora besteht aus einer Kalebasse, die mit einem Kuhfell bezogen ist. Der Hals der Kora ist senkrecht stehend angebracht und enthält 21 Saiten, die dann vom Musiker mit beiden Händen links und rechts bespielt werden, das heißt, nur mit Daumen und Zeigefinger. Somit erinnert das Instrument an eine Art Harfe, und so zart klingt die erzeugte Musik auch. Ein solch kompliziertes Instrument zu spielen, erfordert schon eine lange Übung und viel Talent.

Nach und nach kommt ein Musiker nach dem anderen auf die Bühne und beginnt, sein Instrument einzusetzen. Schließlich erscheint ein Sänger, und plötzlich ist da ein voller, intensiver Klang und ein mitreißender Rhythmus.

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Die vor der Bühne versammelten Menschen wiegen sich im Rhythmus der Musik, kaum jemand kann da noch stillhalten.

Einige im Publikum haben offenbar den Tanzkurs der Gruppe SAF SAP mitgemacht und können so richtig afrikanisch wild und schnell tanzen.

Auch die Musiker auf der Bühne bewegen sich, und ab und zu legt einer sein Instrument nieder und zeigt, was er drauf hat. Alles ist erlaubt, hinknien, rumspringen, sich drehen wie ein Derwisch, hüpfen – selbst die Älteren in der Gruppe beweisen, wie beweglich ihre Körperteile sind.

Dann springt eine Frau im roten Jumpsuit auf die Bühne und beweist, dass sie geübt hat: rasend schnell sind ihre Bewegungen – meiner Kamera, die solches Tempo nicht gewohnt ist, wird ganz schwummrig:

 

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Auch unten vor der Bühne zeigen einige im frei geräumten Kreis, was sie können. Breakdance ist beinahe nichts dagegen.

Die Stimmung ist toll, das Publikum mitgerissen und dankbar. So viel Temperament erlebt man hier im Wendland sonst eher selten.

Ich war im letzten Jahr auch bei der Vorstellung von SAF SAP in Platenlaase

Im nächsten Jahr wird die Gruppe wiederkommen. Hingehen!

 

 

 

 

 

Woodstock im Wendland: Wiesenfete in Quickborn

Quickborn, 4. August 2018.
Mittlerweise im 23. Jahr findet die „Wiesenfete“ in Quickborn statt.

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Quickborn ist der größte Ortsteil der Gemeinde Gusborn nahe Dannenberg Richtung Dömitz und gehört zu den „Bio-Energie-Modelldörfern“ im Landkreis Lüchow-Dannenberg, d.h. ein Großteil der von der Gemeinde benötigten Energie wird durch selbst erzeugte Bio-Energie abgedeckt.

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Vor dreiundzwanzig Jahren verabredeten sich fünf junge Quickborner unterschiedlichen Alters zur Feier ihres jeweiligen Geburtstags, der wohl auf den gleichen Tag oder um den gleichen Tag herum fiel, auf einer Wiese am Dorfrand. Freunde und Verwandte wurden eingeladen, sodass eine Party mit etwa achtzig Personen gefeiert wurde.

„Das könnten wir jetzt eigentlich jedes Jahr so machen“, dachten sich die Freunde – weil es so toll war. Und setzten die Idee in die Tat um. Immer mehr Leute fanden an der Party auf der Wiese Gefallen, und so zog die Idee immer größere Kreise. Um die Party zu organisieren, wurde ein beitragsloser Verein „Wiesenfete Quickborn e.V.“ gegründet.

Inzwischen gehören dem Verein mehr als 100 Mitglieder an. Die Männer und Frauen helfen bei der Vorbereitung der Party, organisieren, installieren, bauen Zelte und Biergartengarnituren auf und ab und räumen den Platz wieder auf. Zum Dank dafür hat der Vereinsvorstand die Helfer*innen am Vortag zu einer kleinen Helferparty eingeladen, und irgendwann später werden die Helfer*innen noch mal besonders bedacht.

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Vereinsmitglieder des Vereins „Wiesenfete Quickborn“ am vergangenen Freitag vor dem Partyzelt.

Diese Hilfe ist auch nötig, denn mittlerweile gehört die Wiesenfete Quickborn zu den größten Events im Landkreis Lüchow-Dannenberg und zieht jedes Jahr am ersten Freitag im August Tausende von Partygängern an. Ein Grund dafür ist sicherlich auch, dass kein Eintritt erhoben wird: „Umsonst und draußen“ ist die Devise.

„Auch aus Lüneburg, Hamburg oder Lübeck kommen jedes Jahr Fans unserer Party“, sagt Timo Jäger, Vorstandsmitglied und einer der Gründer. „Aus dem ganzen Landkreis werden die Besucher von Bussen der Firma Irro gegen nur 5.– € Fahrtkosten p.P. abgeholt.“

Auch viele andere Firmen unterstützen die Macher der Wiesenfete. So stellt zum Beispiel die Speditionsfirma Süßmilch aus Dannenberg einen Truck bereit, der zur Bühne für den DJ und die Musikanlage umgebaut wird.

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Über den Verkauf von Bier und sonstigen Getränken wird dann doch Geld eingenommen. Damit werden die entstehenden Kosten wie zum Beispiel für Strom oder den Toilettenwagen oder den DJ abgedeckt. Der Rest fließt in eine Reserve, und ein guter Teil der Einnahmen wird für soziale Zwecke gespendet.

Ich bin um kurz vor zwanzig Uhr in Quickborn und sehe eigentlich gar kein Hinweisschild für die Wiesenfete. Werbeschilder habe ich vorher schon im gesamten Landkreis gesehen.

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Aber jetzt bin ich im Dorf und ratlos. Zwei junge Leute an der Bushaltestelle helfen mir: ich soll die dritte Abfahrt links abbiegen und dann würde ich es schon sehen.

Die dritte Abfahrt links führt mich in die Feldmark am Dorfrand. Nichts als weite Felder und Wiesen.

Aber dann – gaaanz hinten am Horizont: da ist doch was … ?

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Einige Gruppen von jungen Leuten mit einheitlichem, orangefarbenen T-Shirt mit der Aufschrift „Wiesenfete Quickborn“ lassen mich hoffen, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
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Tatsächlich – inzwischen kann ich Trucks und Buden und Zelte unterscheiden.

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Hier ist sie also – klar, die Fete ist auf der Wiese. Inzwischen ist die Party vor einigen Jahren schon von der Ursprungswiese hierher gezogen – weit ab von Häusern und Nachbarn, die sich gestört fühlen könnten.

Unwillkürlich muss ich an „Woodstock“ denken – das Festival in dem kleinen Dorf Woodstock, das historisch so eine große Bedeutung gefunden hatte. Auch hierfür hatte ein Bauer sein Feld oder seine Wiese zur Verfügung gestellt.

Allerdings traten in Woodstock Bands auf, während in Quickborn die Musik aus der Konserve kommt. Aber egal – als ich ankomme, findet gerade ein Soundcheck auf der Bühne statt, und jedenfalls funktioniert die Musikanlage – eine Mischung aus Schlagern, Rock und Techno wird gespielt werden. Laut ist es auf jeden Fall.

„Es ist für jeden alles dabei“, betonen die drei Vorstandsmitglieder des Vereins, mit denen ich spreche, „und uns ist auch wichtig, dass hier jede Altersklasse willkommen ist, vom Kind bis zum Greis mit dem Rollator“. Es soll eine Party „für alle“ sein.

Die Tanzfläche inmitten der ganz kurz gemähten Wiese ist von einer Lichtanlage umstellt, die stimmungsvolles Licht je nach Musik auf die Tanzenden werfen wird.

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An Bierständen und Imbissbuden können sich die Besucher*innen versorgen und es sich auf Biergartenbänken oder an Stehtischen bei Gesprächen mit Freunden oder Nachbarn gemütlich machen.

Ein großer nicht zu übersehender Müllbehälter weist auf erwünschtes Verhalten hin. Die Feuerwehr ist mit Freiwilligen in etwa Dutzendstärke vertreten, auch ein Rettungswagen des DRK steht bereit, ebenso ein Notarzt. Für alle Fälle ist auch ein Rettungszelt aufgebaut. Die Party soll offiziell um 21:00 Uhr beginnen und bis morgens um 5:00 Uhr dauern, da kann schon mal im Zusammenhang mit zuviel Bier und dem Kreislauf was passieren. „Wir haben die Anforderungen an so eine Veranstaltung eigentlich schon übererfüllt“, sagen die Vorstandsmitglieder. An alles ist gedacht. Am nächsten Morgen werden die Partygänger aus dem Landkreis übrigens auch wieder von Bussen der Firma Irro wieder abgeholt und nach Hause gefahren.

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Toilettenwagen, Rotes Kreuz, Rettungswagen, Ambulanzzelt – an alles ist gedacht.

Kurz nach 20:00 Uhr ist der Soundcheck vorbei, und der DJ dreht jetzt die Anlage so richtig hoch – aber ich bin sicher, bis ins Dorf hört das niemand. „Mit Nachbarn hatten wir hier noch nie Ärger!“ betont Timo Jäger.

Das Wetter – wie in den letzten Wochen überhaupt – spielt mit: ein herrlicher schöner warmer Sommertag! Da kann es nur eine tolle Party werden!

Leider kann ich nicht bleiben, weil ich einen anderweitigen Termin habe.

Aber ich bin sicher, dass wieder mal viele Tausend Menschen Spaß hatten. Merkt euch den Termin: immer der 1. Freitag im August!

 

 

 

Musicfestival in Soven bei Dannenberg

Zum ersten Mal wird in Soven, einem Dorf als Ortsteil von Dannenberg, ein Musicfestival mit der Bezeichnung „Suture Soven“ veranstaltet, und zwar von Freitag, den 17. bis Sonntag, den 19. August.

Verschiedene internationale Künstler*innen interpretieren unterschiedlichste Musikrichtungen wie Jazz, Neue Musik, Indische Musik oder elektronisch erzeugte Musik in einem bewusst vielseitig ausgerichteten Programm, das durch die drei Kuratorinnen Lucy Railton, Kaja Draksler und Natalia Mateo, die als Musikerinnen bzw. Natalia Mateo als Sängerin ebenfalls auftreten werden, zusammengestellt wurde.

Das Festival findet auf dem Hof von Nadja Höhfeld statt, die die Idee zu dem Festival hatte und die große Scheune und den Dachboden des Stalls für die Interpret*innen und die Zuhörer*innen zur Verfügung stellt. Nadja Höhfeld ist Dramaturgin, Regisseurin und Kamerafrau für Dokumentarfilme, vor allem im Bereich der Jazzmusik. Sie lebt und arbeitet im Wendland und in Berlin.

Das Musikprogramm kann hier eingesehen werden.

Außer Musik und Gesangsdarbietungen erwartet die herzlich eingeladenen Besucher*innen außerdem eine kulinarische Versorgung mit regionalen Zutaten aus der solidarischen Landwirtschaft, eine Bar, diverse Workshops sowie Tanz und gemeinsame Gespräche am Feuer.

„Suture“ kommt aus dem Französischen und bedeutet „Naht“.

„Suture Soven“ , das Musicfestival, möchte also eine Nahtstelle zwischen vielem Verschiedenen sein: zwischen verschiedenen Musikstilen, zwischen Stadtkultur und Landkultur, zwischen den Menschen in ihrer Vielfältigkeit.

Viele Menschen in der Umgebung haben bei der Vorbereitung des Festivals geholfen, worüber die Veranstalterin Nadja Höhfeld sehr glücklich und dankbar ist.

Gefördert wird das Musicfestival zudem von verschiedenen Organisationen wie dem Musikfonds, der Stiftung Niedersachsen, dem Lüneburgischen Landschaftsverband und das Musikland Niedersachsen. Und zu den Unterstützern gehört auch die Agentur Wendlandleben.

Raus mit der Lebenslust! The Stonez: Coverband aus Wien im Stones-Fan-Museum

(Siehe auch Folgeartikel über ein Interview mit der Band The Stonez)
Lüchow.
Ostersonnabend, 19:45 Uhr, Rolling-Stones-Fan-Museum, Lüchow.

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Die Bühne des Stones-Fan-Museums vor dem Auftritt. Ganz hinten an der Wand ein Foto der jungen Original-Rolling Stones aus der „BRAVO“. Der Weihnachtsbaum steht immer da.

Das Museum füllt sich, überall stehen oder sitzen Leute herum, bestellen sich am Tresen ein Bier oder ein Wasser. Viele tragen Fankleidung in irgendeiner Form, zum Beispiel ein T-Shirt mit einem Tourneeplan der Stones, oder einen Jackenaufnäher oder eine Krawatte mit dem Zungenmotiv oder wenigstens eine Kappe mit dem Schriftzug „Stones“. Sie sind eigentlich Fans der Original-Stones, kommen aber gerne zum Auftritt der Coverband, von der sind jetzt auch viele Fans geworden – und noch mehr werden es nach dem Auftritt sein.

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Ein Foto der Stones zu ihren goldenen Zeiten an einer Wand des Stones-Fan-Museums.

Hans Irker, der Frontmann und Leadsänger der Stonez aus Wien, steht an einem Tisch mit zwei Ultra-Stones-Fans links und rechts und lässt sich fotografieren. Die Fans aus Rostock sind Teil der deutschen Stonesfan-Gruppe bei Facebook, in der auch Hans Mitglied ist.

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Hans Irker (Mitte), der Leadsänger der Coverband The Stonez aus Wien, noch in Zivilkleidung, vor dem Auftritt, in angeregtem Gespräch mit Fans aus Rostock.

Ich komme mit einem Fan aus Schwerin, behängt mit einem Schal mit lauter rausgestreckten Stones-Zungen, ins Gespräch. Er ist deswegen auf das Konzert aufmerksam geworden, weil Hans Irker, der Leadsänger der Band, über die Facebook-Gruppe eine Freundschaftsanfrage an ihn gestellt hat. Man kennt sich eben in der Szene und tauscht sich aus. Vernetzung ist wichtig.

Ulli Schröder betritt die Bühne und heißt die Zuschauer willkommen. Er begrüßt gesondert Gäste, die aus dem benachbarten Ausland gekommen sind, nämlich aus Holland und aus Österreich.

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Ulli Schröder, Gründer und Chef des Stones-Fan-Museums, in seiner „Markenkleidung“ begrüßt das Publikum.

Anschließend erläutert er Neuigkeiten im Zusammenhang mit seinem Museum. Unter anderem wird das Museum am Mittwoch, den 4. Juli eine Busfahrt nach Prag zum dortigen Rolling-Stones-Konzert anbieten. Der Gesamtpreis incl. Fahrt beträgt 199.– €. Es gibt allerdings nur für 55 Personen Plätze und Karten, und die meisten sind schon vergeben. Dann verweist Ulli auf die neuen von Ralf Schade geschnitzten Eichentafeln mit Stones-Motiven an der Außenfassade. Inzwischen hat die Frieslänge 34 Meter erreicht. Außerdem hat der ehemalige HSV- und Nationalspieler Charly Dörfel, der in diesem Jahr 78 Jahre alt wird, seine gesamte Musiksammlung – Vinyl-Singles und –LPs sowie CDs – dem Museum gespendet. Darunter sind allein 3.300 LPs, sodass die gesamte LP-Sammlung des Museums inzwischen mehr als 20.000 LPs umfasst. Am 18.4. wird überdies eine besondere Veranstaltung der IHK Lüneburg/Wolfsburg im Museum stattfinden, bei der es um die Schaffung einer Marke für das Dorf Wacken geht: „Wacken – ein Dorf wird eine Marke“. Wacken, das Dorf, in dem das Heavy-Metal-Festival immer stattfindet. An dieser Veranstaltung kann jeder Interessierte teilnehmen, bitte vorher anmelden.

Ulli bedankt sich zudem ausdrücklich bei dem Freundeskreis des Museums, dessen jährliche Spende von 50.– € pro Person unter anderem die Weiterentwicklung des Außenfrieses und den Austausch der Beleuchtung in LEDs ermöglicht hat.

Dann geht es pünktlich um 20:30 Uhr mit dem Konzert der Stonez los. Die fünf Instrumentalmusiker Mihael Gluhak, Nick Atanassov, Mike Linder, Christoph Nöbauer und Martin Kohlmann betreten die Bühne und fangen an zu spielen.

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Erwartungsvoll schauen die beiden Fans links in Richtung der eintreffenden Musiker: Nick Atanassov (ganz rechts) und links daneben Mihael Gluhak, beide Gitarre.

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Mihael Gluhak, der Bassgitarrist, geht Richtung Bühne, noch etwas Anspannung im Gesicht.

Dann springt unter großem Beifall des Publikums der Star der Band auf die Bühne und ergreift das Mikrofon: Hans Irker, der dem Original-Stones-Sänger Mick Jagger so ähnlich sieht, er könnte glatt ein jüngerer Bruder sein.

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Hans Irker, Leadsänger und Frontmann der Stonez, in Mick-Pose.

Sofort stellt sich heraus, dass er nicht nur visuelle Ähnlichkeiten mit seinem Vorbild hat: vielmehr hat er die gleiche Stimmlage, wenn nicht sogar die gleiche Stimme. Ja, er hört sich tatsächlich wie Mick Jagger an. Und da er auf Englisch singt und auch die Ansprachen ans Publikum auf Englisch macht, hört man auch nicht mehr den charmanten wienerischen Akzent heraus, den ich beim Interview mit ihm am Nachmittag wahrgenommen hatte.

Unterstützt wird der Leadsänger beim Gesang häufig durch die Bandkollegen Mihael Gluhak und Christoph Nöbauer. Dadurch gewinnt der Gesang eine starke, die Instrumentalbegleitung durchdringende Kraft.

Einer der ersten Songs ist „Let’s spend the Night together“, einer der frühen Erfolge der Originale, und zumindest den Refrain kennen nun wirklich alle im Raum, lassen sich mitreißen und singen begeistert mit. Spätestens bei „The last Time“ hält es nun auch die Ruhigeren nicht mehr, und nun drängt sich die Menge vor der Bühne, singt und tanzt ausgelassen.

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Das Publikum hat sich vor der Bühne gesammelt und singt und rockt mit.

Vortänzer – wie bei der Originalband – ist der Frontmann. Er hüpft und springt, macht Ausfallschritte, schüttelt seine Haare wild und kommuniziert gestisch und mimisch mit seinen Bandkollegen und dem Publikum.

Das Alter des Publikums? Bunt gemischt, es ist alles dabei, von 18 bis 80. Viele weiße Haare sieht man, und bei so manchen spannt sich das rockige T-Shirt mit der wilden Zunge über einen teuer angesammelten Bierbauch.

Die Rolling Stones sind inzwischen 55 Jahre auf der Bühne, Mick Jagger ist 75 Jahre alt und Charlie Watts noch älter. Eine ganze Menschengeneration wurde von der Musikrichtung der Stones geprägt. Die über 400 Stones-Stücke haben wichtige historische Ereignisse begleitet: den Vietnamkrieg, die Hippie-Zeit, die Anti-Atomkraft-Demonstrationen, den Mauerfall … In bedeutenden Filmwerken, die die historischen Ereignisse aufgegriffen haben, wurden Songs der Stones als Begleitmusik ausgewählt, zum Beispiel in Kubricks „Full Metal Jack“, der die Grauen des Vietnamkriegs aufzeigt. Weil die Musik damals die Begleitmusik der Menschen zu der Zeit und in den Situationen war.

Manche im Publikum sehen ganz bieder aus, aber bei dieser Musik und bei dieser Gelegenheit inmitten von Gleichgesinnten lassen sie alle Hemmungen fallen, recken die Hände hoch, lassen das Becken kreisen und grölen lauthals die Erinnerungen an ihre Jugend heraus. Ihre Gesichter sehen glücklich und gelöst aus. Die Stimmung ist toll. Lebensfreude liegt in der Raumluft, die sich mit leicht wabernden Rauchwolken von der Bühnentechnik her vermischt.

Die Technik wie die Ton- und Lichtanlage wird von Mitarbeitern der Firma Pinder aus Leipzig bedient, und sie machen gute Arbeit. Alles gut ausgesteuert, keine Verzerrungen, und bei jedem Song wechselt die Lichtfarbe, mal rot, mal pink oder blau oder bunt, und/oder der Lichtrhythmus. Bei „Angie“ zum Beispiel, einem ruhigen und elegischen Song, ist die Beleuchtung ganz in Pink. Die Arbeit der Techniker muss wirklich einmal gelobt werden. Danke an euch!

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Die beiden Techniker von der Firma Pinder aus Leipzig: rechts der Tontechniker, links der Beleuchter.

Um 21:38 Uhr ist zunächst einmal Pause. Ich setze mich vorne in Bühnennähe auf einen der Cocktailsessel aus den Fünfziger Jahren neben eine Frau, die zusammen mit ihrem Bruder aus Wuppertal gekommen ist. Sie heißt Astrid und ihr Bruder Wilfried.

Schnell kommen wir ins Gespräch. Astrid und Wilfried kommen schon seit 2014 einmal pro Jahr ins Stones-Fan-Museum in Lüchow, weil sie Ulli und seine Frau so sehr mögen, sagt Astrid. Wilfried ist 64 Jahre alt und seine Schwester einige Jahre jünger. Wilfried war schon bei vielen Konzerten der Stones live dabei, aber Astrid war letztes Jahr das erste Mal mit, auf dem Konzert in Düsseldorf. 565.–€ haben sie und ihr Bruder jeweils für eine Eintrittskarte bezahlt. Dieses Jahr will sie nach Berlin mit, da kostet die Karte nur knapp 400.– €.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs erfahre ich von Astrid, dass sie und ihr Bruder Mitglied einer Facebook-Gruppe namens „Stonesland“ sind, in der sich deutsche Rolling-Stones-Fans sammeln, wie ja auch schon oben erwähnt. 797 Mitglieder hatte die Gruppe bis gestern. In der offenen Gruppe tauschen sich die Mitglieder über Konzerte, Kartenkauf und alles Interessante rund um die Rolling Stones aus. Viele der Facebook-Gruppe sind auch beim Konzert der Coverband dabei.

So auch Jan, der sich bald auf den Sessel neben mir setzt, weil es Astrid nicht mehr hält und sie unbedingt in der Menge vor der Bühne mittanzen möchte. Jan ist auch so schätzungsweise Mitte 60. Er hat seine etwa gleichaltrige Frau dabei, die flott gekleidet ist, mit schwarzer Lederjacke und schwarzen Stiefeln über der Hose. Sie tanzt ganz ausgelassen nach den Songs und schaut ab und zu bei uns vorbei.

Jan sagt mir, dass seine Frau früher „Angie“ genannt wurde, nach einem der Stones-Songs.

Jan und seine Frau kommen aus Leipzig und sie waren letztes Jahr beim Albert-Hammond-Konzert im Museum. Das Konzert hat ihnen gefallen, aber danach wussten sie nichts mehr mit dem Wendland anzufangen und fanden es hier langweilig. Auch gestern, so Jan, hätten sie nach der Ankunft in Lüchow weiter nichts hier anzufangen gewusst, und dann sei das Wetter ja auch noch so schlecht geworden. Ich sage ihm, dass wir für das Wetter nichts können, und er lacht.

Aber das wäre mal eine Denkaufgabe für an Tourismus interessierten Leuten:

Was könnte man als Anschlusserlebnis hier im Wendland anbieten für Menschen, die aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland nach Lüchow ins Stones-Fan-Museum kommen, weil sie sich eben so für die Stones und/oder Rockkultur allgemein interessieren? Ohne dass sie sofort in ein tiefes Loch fallen? Was könnte diese Lücke zwischen dem Erlebnisort Stones-Fan-Museum und dem Umfeld auffüllen? Soll man diese Menschen, die lebensfroh sind, wilde Musik mögen und unkonventionell sind, jetzt nach dem Besuch im Stones-Fan-Museum und/oder einem Rockkonzert darin sich selbst überlassen, oder kann man ihnen noch etwas für sie Interessantes anbieten?

Inzwischen blüht Wilfried immer mehr auf und erinnert sich bei jedem Song an seine Jugend. Er hat zu Hause DVDs über die Stones und viele Bücher, auch mit allen Songtexten. Er ist ein Experte.

Nach Ende der Pause fängt die Band das zerstreute Publikum wieder mit einem treibenden Sound ein, und schnell sammeln sie sich wieder vor der Bühne.

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Die Band bei der Arbeit: links im Bild sieht man Mike Linder, der die Drums bedient.

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Hier greift Nick Atanassov in die Saiten.

Das zweite Lied nach der Pause ist „Angie“ und Wilfried ruft uns zu, das wäre aus dem Jahr 1973, da sei er bei der Bundeswehr an der holländischen Grenze gewesen und da, als dieses Lied herauskam und ein Hit wurde, „da habe ich am meisten gekifft“. Inbrünstig singt Wilfried den Text von „Angie“ mit, wie übrigens auch viele andere im Publikum die Songtexte teilweise in Gänze, aber wenigstens den Refrain mitsingen oder vielmehr – wegen der Lautstärke muss man das so sagen: – mitgrölen. Ist ja nicht schlimm, Hauptsache, man spürt die Stimmbänder noch.

Das dritte Lied nach der Pause ist „Ruby Tuesday“. „1967!“ ruft Wilfried mir zu. „Angie“, die Frau von Jan, kommt zu uns, nimmt mich und Wilfried in den Armhaken – Jan ist aufgestanden – und bald schunkeln wir zu dritt zu der Melodie. Jetzt singe auch ich mit, denn den Text kann ich auch noch.

 

 

 

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Der nächste Song. „Under my thumb“ ruft – oder vielmehr: schreit – Wilfried mir zu. Danach kommt „Miss you“, von 1978, laut Wilfried. Ein treibender Sound, meine Nachbarin hält es nicht mehr, sie springt auf und muss einfach wild tanzen. Auch Hans Ilker springt nun von der Bühne ins Publikum hinein und singt und tanzt inmitten in der Menge. In der Pause haben einige der Musiker ihr Outfit gewechselt und Hans zeigt nun seine Oberarmmuskeln in einem Leopardenfellmusteroberteil.

Nach dem Song „Miss you“ stellt Hans Irker seine Bandkollegen einzeln vor, und Mihael Gluhak stellt Hans vor mit: „Mr. Mick Jagger: Hans Irker!“ Das Publikum klatscht frenetisch.

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Hier hängt sich Dr. Martin Kohlmann in seine Gitarre rein. Die „Keith“-Gitarre…

Nun folgen noch die bekanntesten Stones-Songs wie „Gimme shelter“ von 1969 (laut Wilfried) oder „Jumpin‘ Jack Flash“ und „Sympathy for the Devil“, mein persönlicher Lieblingssong der Stones.

Das Publikum lässt die Band nach zweieinhalb Stunden Spielzeit nicht einfach gehen. Nein: Zugabe! Die Jungs auf der Bühne haben noch Lust, man merkt ihnen die Spielfreude an. Ihre Gesichter strahlen. Sie sind ebenso begeistert vom Publikum wie das Publikum von ihnen.

Inzwischen habe ich Wilfried verlassen und stehe nun auch in der Menge direkt vor der Bühne und singe und rocke mit im Rhythmus der Masse. Beim ausgiebig lang gespielten Song „You can’t always get what you want“ übernimmt zeitweise die Menge ganz das Singen des Refrains, denn den kennt nun wirklich jeder, und Hans Irker hält einfach das Mikrofon in die Menge.

Es ist schon klar, dass das der letzte Song sein wird, denn das Publikum möchte wohl gern noch mehr, aber irgendwann ist auch die Band erschöpft. Man kann nicht alles haben, was man gern möchte, und so gehen die Scheinwerfer der Lichtanlage gegen 23:45 Uhr endgültig aus.

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Das Gesicht von Martin Kohlmann nach dem Ende des Auftritts zeigt es: glücklich zu sein über den überaus gelungenen Auftritt im Stones-Fan-Museum, dem ersten Auftritt der furiosen Stones-Coverband aus Wien/Österreich in Deutschland, dem hoffentlich noch weitere folgen werden. Und ein bisschen Stolz – berechtigt – kann man auch im Gesichtszug erkennen, oder?

Die Frau links von mir, eine zierliche mit einer Stones-Cap auf den blonden Haaren und schwarzer Lederjacke, die die ganzen mehr als drei Stunden direkt vor der Bühne wild mitgerockt hat, direkt neben der Freundin von Hans, die die ganze Show mit ihrem Handy mitfilmt, wendet sich ganz unvermittelt mir zu und strahlt mir gelöst ins Gesicht. „Das war toll, nicht?“ Ich stimme ihr zu und frage, woher sie kommt: aus Düsseldorf.

Ulli Schröder kommt auf die Bühne und bedankt sich bei der Band für den grandiosen Auftritt und wünscht eine gute Heimfahrt nach Wien, die aber erst am nächsten Tag stattfinden wird.

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Ulli Schröder bedankt sich bei den Gästen für ihr Interesse und ihr Kommen und bei der Band für ihren tollen Gig.

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Und zum Schluss verneigen sich noch einmal alle brav – wie im Theater. Frohe und glückliche Gesichter.

Eine tolle Band, vielen Dank für den schönen Abend!

Die Band kann kontaktiert werden über Mihael Gluhak, *43(0)699 11066185, mail: band@stonez.at.