Mammoißel – Redemoißel – Saggrian – Pudripp: Ortsnamen im Wendland

Die ursprünglichen Wenden, nach denen sich der Landkreis benennt, waren ein slawischer Stamm und haben die slawische Sprache „Polabisch“ gesprochen, das ist so ähnlich wie Polnisch. Genauer gesagt, hieß die Sprache „Draväno-Polabisch“. Der „Drawehn“ ist als Höhenzug ein Teil vom Wendland. Die letzte Wendländerin, die die Sprache noch aktiv gesprochen hat, ist im 18. Jahrhundert gestorben, im Jahr 1756. Heute beschäftigt sich ein Verein ein Wendland mit der Draväno-Polabischen Sprache.

Die slawische Sprache ist noch in vielen der Ortsnamen im Wendland zu erkennen. Ähnliche Namen gibt es oft im Brandenburgischen, wo die Sorben als ebenfalls slawischer Stamm gesiedelt haben.

Viele Ortsnamen im Wendland enden mit –tzen, z.B. Dommatzen, Dickfeitzen, Salderatzen. Dann gibt es noch häufig die Endung –itz: Kriwitz, Karmitz, Karwitz, Gülitz, Sipnitz, Schnadlitz, Pölitz. Oft kommt auch die Endung –ow vor: Lüchow, Wustrow, Prepow, Meetschow.

Bei vielen Ortsnamen ist aus der Endung –ow wohl im Laufe der Angleichung an die hochdeutsche Sprache ein –au geworden: Splietau, Schmarsau, Lüggau, Maddau.

Die erste Silbe „Lü-„ kommt auch häufig vor: chow, ggau, beln, bbow, sen, thenthien. Oder : sten, litz, nsche.

Und schließlich gibt es häufig die Buchstabenkombination tz, am Ende oder mitten im Wort: Middefeitz, Metzingen, Loitze, Mützen, Pretzetze.

Es kommt auch nicht selten vor, dass Ortsnamen fast gleichlautend sind, aber sich durch einen einzigen Buchstaben oder eine Buchstabenkombination wie „sch“ unterscheiden: Reddebeitz- Reddereitz; Reetze – Reitze; Schmardau – Schmarsau; Laase – Laasche; Karmitz – Karwitz; Katemin – Satemin; Klautze – Krautze; Nemitz – Neritz; Grabau – Grabow; Schnadlitz – Nadlitz; Dünsche – Künsche. Tja, bei diesen vielen Ortsgründungen vor vielen hundert Jahren gingen den Leuten wohl auch die Neuerfindungen von Namen langsam aus … da sind sie einfach auf die kreative Idee gekommen, Buchstaben auszutauschen.

Der Landkreis hat etwas mehr als 50.000 Einwohner, die sich aber auf über 220 verschiedene Ortschaften – von der Stadt über den Flecken bis zum Dorf – verteilen. 50.000 Einwohner, das ist ungefähr die Einwohnerzahl einer Mittelstadt. Man stelle sich einmal vor, eine Mittelstadt habe mehr als 220 verschiedene Stadtteile mit entsprechend vielen Namen. Im Abfallkalender mit den Abfuhrterminen der Zentraldeponie Woltersdorf beanspruchen die Ortsnamen gleich 19 DIN-A-4-Seiten.

Da muss die Post beim Briefeverteilen aber genau aufpassen! Sonst landet der Brief bei Schulz in Klautze statt bei Schulz in Krautze. Schulz ist hier nämlich auch ein sehr häufiger Familienname. Schulz ist ja ein Beruf: der Ortsvorsteher wurde in früheren Zeiten eben mit „Schulz“ oder „Dorfschulz“ benannt. Auch „Meier“ oder „Müller“ sind ja Nachnamen, die aus Berufsbezeichnungen entstanden. Warum es hier im Landkreis so viele mit Nachnamen „Schulz“ gibt, erkläre ich mir persönlich so: hier im Wendland gibt es ja mehr als 220 verschiedene Ortschaften, und wenn jeder Ort einen Vorsteher hatte, gab es eben entsprechend viele „Schulz“, während ein „Meier“ oder „Müller“ ja nicht in jedem Dorf sein musste. Das ist aber meine persönliche Erklärung, ich weiß nicht, ob das schon mal wissenschaftlich untersucht worden ist.

Zurück zu den Ortsnamen: Einige enden auch auf –leben: Gorleben, Marleben, Brandleben, Malsleben. Und einige auf –ien: Reddien, Lütenthien, Kacherien, Hohenvolkfien.

Gleich mehrere Ortsnamen und damit Orte gibt es als „Groß“ oder „Klein“: Groß Breese – Klein Breese; Groß Heide – Klein Heide; Groß Sachau – Klein Sachau; Groß Gaddau – Klein Gaddau; Groß Gusborn – Klein Gusborn; Groß Wittfeitzen – Klein Wittfeitzen; Großwitzeetze – Klein Witzeetze.

Ich fahre immer auf dem Weg nach Lüneburg durch „Schnadlitz“ durch. Ich freue mich immer, wenn ich das Ortsschild lese. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Schnad – litz. Ich find’s lustig. Da steht nur ein einziges Haus. Wirklich. Vielleicht gehören zu dem Ort noch weitere Häuser, aber sichtbar für Durchfahrer auf der Bundesstraße ist nur ein einziges.

Dann finde ich noch „Puttball“ interessant. Ich kenne das Dorf seit meiner Kindheit, weil ich immer, wenn ich meine Tante mit dem Fahrrad besucht habe, dort durchgefahren bin. Ich stellte mir damals schon immer ein Kleinkind vor, das gerade die Sprache erlernt, und dessen Ball kaputtgegangen ist: „putt – Ball“ sagt es.

Tolstefanz“ ist auch nicht schlecht. Den Ortsnamen hätte Tolkien nicht besser erfinden können. Oder „Teichlosen“: der Ort ohne Teich. Passt zu „Auenland“.

Es gibt aber auch ein „Kamerun“ im Wendland – nicht nur in Afrika!

Manche Leute wohnen in „Kröte“. Andere in „Pisselberg“, „Klöterhörn“ oder „Predöhlsau“.

Es fällt auch leicht, sich die vielen verschiedenen Namen mit Hilfe von Gedächtnistechniken über Assoziationen zu merken: Bei dem Ortsnamen „Schutschur“ muss ich immer an Karl May denken: „Der Schut“. Bei „Jiggel“ denke ich immer an das Verb „jiggeln“, das bedeutet – für mich – so viel wie Kichern. „Grippel“ merke ich mir wegen der Krankheit.

Bei „Guhreitzen“ fällt mir ein, nicht die Kuh zu reizen. „Mosebusch“ verknüpfe ich die Bibelgeschichten von Moses und Abraham (der mit dem Dornbusch). „Mützen“ sind für mich viele bunte Wintermützen. „Plumbohm“ der Pflaumenbaum. „Kloster“ ist einfach ein Kloster mit Nonnen oder Mönchen. Bei „Kremlin“ denke ich an die „Gremlins“, diese Filmbiester. Oder an den „Kreml“ in Moskau.

Bei „Kukate“ stelle ich mir einen Kuhstall vor = Kate mit einer Kuh. Bei „Lanze“ denke ich an die mittelalterliche Waffe, bei „Leisten“ an das Sprichwort mit dem Schuster. „Marlin“ verbinde ich mit dem Namen der großen Schwester in Astrid Lindgrens „Ferien auf Saltkrokan“.

Mehlfien“ ist für mich fein gemahlenes Mehl. Sich unter „Kapern“ Kapern vorzustellen, fällt nicht schwer. In „Katemin“ wohnt „meine Katze“. In „Fließau“ fließt der Fluss durch die Aue. Bei „Kähmen“ fällt mir das Kamener Kreuz auf der Autobahn durchs Ruhrgebiet ein. „Wittfeitzen“ ist für mich der weiße Weizen.

Wer Lust auf Schlager hat, kann zum Thema „Ortsnamen im Wendland“ auch einmal hier reinhören.